Was Kinder anziehen

Meine Tochter hat ein Paar glitzernde Riemchenpumps in rosa bekommen. Ich wusste vorher gar nicht, dass es Absatzschuhe in Größe 30 überhaupt gibt. Jetzt weiß ich, dass es sie sogar schon in Größe 27 gibt. Die hat sich mein Sohn ausgesucht. Schon im Laden wollte er sie nicht mehr ausziehen. Ich habe beiden Kindern je ein Paar gekauft und ihnen erlaubt, die neuen Schuhe auf dem Heimweg anzulassen. Ihre eigentlichen Herbstschuhe mit weicher, atmungsaktiver Sohle und schmutzabweisendem Obermaterial, mit Fußbett innen und Reflektoren außen trug ich in einer Tüte aus dem Glitzerschuhladen nach Hause.

Andere Kinder ziehen das an, was ihnen die Eltern herauslegen. Die Mädchen schmale Jeans, dunkelblaue Blüschen mit weißen Pünktchen, gestrickte Pulloverchen in grau, Lederschühchen aus Italien, ein Mäntelchen, dazu passend Mütze und Schal. Die Jungs das Entsprechende für den kleinen Lord. Ich sage zwar, es sei abscheulich, wenn kleine Kinder herumlaufen wie Erwachsene, aber ich schiele auf das hübsch zurechtgemachte Kind mit den Zöpfen an der Straßenecke. Wieso liebt meine Tochter Omas lila Glitzerschal, der zu nichts passt und viel zu lang ist? Wieso lässt sie sich ihr Haar nicht kämmen? Wieso mag sie keine Zöpfe? Wieso?

Meine Kinder tragen, was sie wollen. Ich habe mich ergeben. Das Einzige, worauf ich bestehen muss, ist, dass ihre Kleidung bei Kälte warm hält. Daran halten sie sich und ziehen unter ihre Fantasiekleider lange Unterhemden und Strumpfhosen. Mein Sohn trägt alles, was seiner großen Schwester gehört oder früher einmal gehört hat. Pullover und Hosen, die ich für ihn kaufe, interessieren ihn nicht. Seine Sachen dürfen nicht neu sein. Oder nicht blau. Oder nicht grau. Außer, seine Schwester hat sie zuvor getragen und damit veredelt. Falls an Ihnen ein kleiner Junge mit silberner Krone, Anorak und Glitzerpumps auf einem Laufrad vorbeifährt, es könnte meiner sein.

Vor ein paar Tagen blieb eine Frau stehen, zeigte auf die Prinzessin auf dem Laufrad und fragte mich, ob das mein Sohn sei. Erst dachte ich, sie halte mich für verantwortungslos: das Kind ohne Helm, weil Helm und Krone nicht gehen, und in Pumps, die gewiss die kleinen Zehen deformieren. Doch die Frau beschimpfte mich nicht, sie beglückwünschte mich, dass ich meinen Sohn die Glitzerpumps erlaube. Wo ich die gekauft hätte? Ein paar Schritte weiter, an der Ampel, sagte ein Mann, sein Sohn würde was drum geben, bekäme er solche Pumps. Ein anderer tröstete mich, das gehe Gott sei Dank vorbei, sobald der Junge in die Schule komme. „Was meinen Sie mit: Gott sei Dank?“, fragte der erste Mann zurück. Dann wurde es grün. Eine Frau kam uns entgegen und sagte: „So ein süßes Mädchen!“ An ihrer Hand ging ein kleiner Grüffelo mit blonden Locken bis zum Ellbogen.

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