Von Schuhen und Liebe

Mein Nachbar trägt teure, rahmengenähte Schuhe. Die hat er sich in Wien gekauft. Ich wusste, dass rahmengenähte Schuhe teuer sind, nicht aber, was rahmengenäht bedeutet. Nun weiß ich, dass die Sohle eines solchen Schuhes austauschbar ist. Das Oberteil und die Innensohle werden mit einem Lederband, das um den Schuh läuft, zusammengenäht. Dieses Band – der Rahmen – wird dann mit einer weiteren Naht an die Sohle genäht. Mein Nachbar sagt, seine Schuhe seien zwar teuer, sein letztes Paar aber habe neun Jahre gehalten. „Das kann man von deinen bestimmt nicht sagen“, sagt er.

Ich versuche, mich zu erinnern, wie lange ich meine sicher nicht rahmengenähten Stiefel eigentlich schon habe. Es sind drei – nein, sogar vier Jahre. Anfangs habe ich sie allerdings nicht so oft getragen, weil sie ja neu waren. Mich überrascht es, dass sie schon so alt sind. Für mich sind diese Stiefel immer noch die neuen. Es gab hinterher kein weiteres Paar, so sind sie die guten Stiefel geblieben.

Ich habe viele gute Kleidungsstücke, sie sind weder teuer noch besonders, aber ich habe sie mir eine ganze Weile lang aufgespart als „den guten Rock“ oder die „gute Strickjacke“ und sie nie benutzt. So wie Erwin und Irene, unsere Nachbarn aus meiner Kindheit, nie in ihrer guten Stube gesessen haben. Die war ein muffiger, dunkler Raum mit dunklen Möbeln und einem Kachelofen, in dem nie Feuer gemacht wurde. Ich konnte mir nie erklären, was an der guten Stube eigentlich gut sein sollte.

Rahmengenähte Schuhe werden immer bequemer und schöner, je länger man sie trägt, sagt der Nachbar. Er teilt den Preis seiner Schuhe durch neun und rechnet aus, dass sein Paar – so gesehen – günstiger ist als meine „guten Stiefel“.

Dass Dinge mit der Zeit schöner werden, sagt man auch über Lederjacken und über die Liebe. Die Lederjacken, die in der Änderungsschneiderei meiner Mutter hängen, glänzen so speckig, dass man sie nicht anfassen möchte. Ihre Besitzer wollen aber lieber den kaputten Reißverschluss oder das zerrissene Innenfutter austauschen lassen, statt sich eine neue zu kaufen.

Bei der Liebe habe ich den Verdacht, dass es ihr nicht wie dem rahmengenähten Schuh ergeht, sondern wie der speckigen Lederjacke. Alle sagen, die Verliebtheit verfliege, das Begehren erlösche, doch dafür wüchsen Vertrautheit und Nähe, was ja allgemein als erstrebenswerter gilt als bloße Verliebtheit. Oft bedenkt man aber nicht, dass Verliebtheit verdammt lange braucht, um zu Liebe heranzureifen, wenn sie es überhaupt einmal tut und nicht inzwischen sauer wird wie der Rest Milch im Kühlschrank. Ich fürchte, dass mein Nachbar ein, wenn nicht gar zwei Paar rahmengenähte Schuhe zerschleißt, bis einmal aus Verliebtheit anständige Liebe geworden ist. Man sollte doch bei

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