Vom Vorteil des Visums

2014-05-17 19-00-20_0017Meine Cousine aus der Türkei kam uns letzten Sommer besuchen. Sie war die Erste in der Familie, die sah, wie und wo Onkel und Tante seit 40 Jahren leben. Einfach nach Deutschland fliegen können meine Verwandten nicht. Die meisten haben keine Reisepapiere – wozu. Einen Pass braucht nur, wer verreist. Die meisten verreisen nicht, ein Pass kostet Geld, Flüge ebenfalls, und für viele Länder bräuchten sie ein Visum. Das ist langwierig, kostet Gebühren, und wenn man keines bekommt, ist das Geld für die Gebühren weg.

Meine Cousine ist 32, geschieden und Lehrerin. Sie buchte ein Ticket und bat mich, ihr eine Einladung zu schicken, die braucht man für das Visum. Wer einlädt, unterzeichnet eine Erklärung, in der er sich verpflichtet, dass er für den Lebensunterhalt und für die Kosten für die Ausreise seines Gastes aufkommt. „Eine junge, alleinstehende Frau bekommt nie im Leben ein Visum“, sagten ihre Freunde, deren Visaanträge abgelehnt worden waren. Oder die, die jemanden kannte, der kein Visum bekommen hatte. Warum sollte ausgerechnet sie eins bekommen? Aufgelöst rief sie mich an, der Direktor ihrer Schule habe ihr mitgeteilt, dass ihr Visumsantrag abgelehnt worden sei. Er kenne jemanden im deutschen Konsulat, und derjenige habe im Computer nachgesehen und ihm die schlechten Nachrichten überbracht. In der Türkei kennt immer jemand jemanden, der jemanden kennt, der etwas weiß. Oder auch nicht.

Entgegen aller Erwartungen brachte Wochen später ein Kurier einen Umschlag, darin der Pass samt Visum. Der Rektor beglückwünschte sie und sagte, sein Bekannter habe sich wohl vertan. Die Aufregung um das Visum wird uns in Zukunft wohl erspart bleiben. Die Europäische Union stellt der Türkei Visafreiheit in Aussicht, vielleicht schon in drei Jahren. Die Türkei hat der EU im Dezember letzten Jahres zugesichert, Flüchtlinge, die illegal über die Türkei nach Europa wollen, zurückzunehmen. Die Türkei grenzt unter anderem an den Irak, den Iran und an Syrien. Allein aus Syrien wurden seit Beginn des Bürgerkriegs über neun Millionen Menschen vertrieben. Nach Angaben von Frontex, der europäischen Grenzpolizei, versuchten 2012 mehr als 37 000 Flüchtlinge, über die Türkei nach Griechenland und somit in die EU zu gelangen. Das sind mehr Menschen, als über alle anderen großen Fluchtrouten zusammen versuchten zu fliehen.

Die Türkei soll den Europäern helfen, sich noch weiter abzuschotten. Es wird mehr Grenzzäune geben, mehr Wärmebildkameras, mehr Wachleute. Je besser wir uns abschotten, desto mehr Menschen werden auf der Flucht umkommen, denn wer nicht übers Land fliehen kann, versucht es übers Meer. Erst im Januar sind vor der griechischen Küste zwölf Flüchtlinge ertrunken. Da bleibe ich lieber bei der Visapflicht.

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