Texte

Später

 

Um zwei kommt jemand vom Roten Kreuz, um die Kisten abzuholen. Wenn sie den alten Lederkoffer nicht haben wollen, bringe ich ihn später zum Trödelladen. Was übrig bleibt, stelle ich neben den Altkleidercontainer. Das habe ich schon oft mit Sachen von mir gemacht, die ich nicht mehr brauchte. In weniger als einer Stunde war alles weg.

Vor vier Monaten ist meine Mutter gestorben. Im Schwimmbad ist sie ausgerutscht und so mit dem Kopf auf den Fließen aufgeschlagen, dass sie nicht mehr zu Bewusstsein kam. Als ich am Nachmittag ins Krankenhaus kam, so lange hatte es gebraucht, bis man herausgefunden hatte, wer sie war und zu wem sie gehörte, war sie schon nicht mehr am Leben. Sie lag in einem kleinen Zimmer, der Kopf in einem Verband. Blass sah sie aus, aber nicht wie tot. Mein Vater saß auf einem Stuhl neben ihrem Bett und sah, ich weiß nicht wohin. Er sagte kein Wort, was hätte er auch sagen sollen?

Jetzt sind nur noch wir beide übrig, hier in Deutschland, meine ich. Mein Vater hat noch sechs Geschwister in der Türkei, meine Mutter fünf. Bei der Beerdigung haben wir sie alle wiedergesehen, auch die Kinder und Enkel dazu. Das ganze Dorf war da, die Onkel habe ich erkannt und natürlich meine Tanten, einige Cousinen und Cousins, aber schon deren Kinder waren mir fremd und erst die Enkel. Auf dem Rückflug sagte mein Vater, im Keller stünden Kisten meiner Mutter. Darum müsse man sich kümmern. Also kümmere ich mich. Mein Vater bittet nicht, er befiehlt auch nicht. Er sagt, was er sagt und ich verstehe dann schon.

Viel ist nicht im Keller, das meiste haben meine Eltern längst in die Türkei geschafft. Jeden Sommer im Kofferraum ihres Honda und oft auch auf dem Autodach. Fernseher, Stühle, eine Duschwand, Küchenfliesen, Halogenstrahler, einen Staubsauger, nicht nur einen, mehrere. Ihre Rückkehr in die Heimat verschob sich ständig und alle paar Jahre gab es neue Staubsauger. Die veralteten Modelle bekam die älteste Schwester meiner Mutter auf dem Dorf. Für sich, also die für die Istanbuler Wohnung, hat sie erst vor ein paar Monaten wieder einen neuen gekauft. Der funktioniert ohne Papierbeutel. Der Dreck wird direkt in einen Wassertank gesaugt, er wasche sogar die Luft, hatte meine Mutter gesagt. In ihrer Wohnung in der Ludwigsstraße saugte sie den Teppich zwanzig Jahre lang mit einem sperrigen, schweren Gerät, das man nicht hinter sich her ziehen konnte. Der gesamte Apparat war am Griff befestigt, mein Vater musste ihn für sie aufbauen und wenn sie fertig war mit Saugen, wieder im Schrank verstauen. Ausschalten ließ er sich nicht, man musste den Stecker ziehen. Es interessierte meine Mutter nicht, dass es in jeder türkischen Stadt Elektrogroßmärkte und riesige Einkaufszentren gibt, auch dort, wo ihre Schwestern wohnen. Sie begriff es einfach nicht. So wie sie auch nicht begriff, dass mein Vater und sie nie, nie in die Türkei zurückgehen würden, dass sie nie in diese 180 Quadratmeter Wohnung in Istanbul ziehen würden, die sie eingerichtet hatten wie ein Museum, dass sie nie in der fein gestreiften Bettwäsche liegen, nie von den weißen Porzellantellern essen und kein Mensch sich die Hände an den cremefarbenen Gästehandtücher abtrocknen würde, die so gut zu den Fließen passten. Zuhause hatten wir nie Gästehandtüchern gehabt, wozu, wir hatten kein Gästebad und keine Gästetoilette. Die Gäste benutzten unser Bad und unsere Handtücher. Wenn jemand über Nacht blieb, schlief meine Mutter bei mir im Bett, mein Vater auf der Couch in der Küche, die auch unser Wohnzimmer war, und die Gäste im Elternschlafzimmer. Wenn wir den Tisch deckten, rissen wir Küchenpapierquadrate von der Rolle und falteten sie zu Dreiecken. Aus alten Bettbezügen nähte meine Mutter Einkaufsbeutel, wenn die Henkel ausgefranst waren, schnitt sie sie entzwei, und ich wischte mit diesen Lappen den Esstisch sauber, bevor ich meine Hausaufgaben darauf machte. Schließlich landeten sie im Putzeimer und wenn die Risse darin endlich groß genug waren im Müll.

Mein Vater tut jetzt so, als habe er mit den Kartons im Keller nichts zu tun. Als habe er nicht auch alles, was neu und schön war, in Bläschenfolie gewickelt und für später aufgehoben. Bei der Beerdigung sagte eine meiner Tanten, wie fürchterlich, meine Mutter sei mitten aus dem Leben gerissen worden. Ich habe ihr nicht gesagt, dass meine Mutter die ganze Zeit glaubte, ihr richtiges Leben habe noch gar nicht angefangen.
„Vielleicht ist ja was für dich dabei“, sagt mein Vater, als ich den Kellerschlüssel vom Schlüsselbrett nehme.
„Mal sehen.“
Es ist nichts dabei für mich, das weiß ich jetzt schon. Ich brauche ihre silbernen Servierplatten nicht. Wenn ich daran denke, worauf wir alles verzichtet haben, wieviel Geld im Keller meiner Eltern vor sich hingammelt, könnte ich kotzen. Aber ich kotze nicht. Ich heule nicht einmal. Jedenfalls nicht vor meinem Vater. Er heult ja auch nicht vor mir. Jeder heult für sich, und den Keller räume ich alleine aus. Es ist mir sogar lieber so. Mir ist es schon unangenehm, wenn wir auf der Straße beisammen stehen und nicht wissen, was wir miteinander anfangen sollen. Wenn ich sehe, wie er sich die Finger knetet, wie ihn meine Gegenwart beklemmt, wie er sich danach sehnt, für sich zu sein.
Es war nicht immer so mit ihm. Als ich klein war, kroch ich sonntags in der Früh zu ihm ins Bett, nie zu meiner schlafenden Mutter, er trug mich auf den Schultern durch die Wohnung, ich durfte ihm das Kinn rasieren, und wenn ich abends beim Spielen auf dem Teppich einschlief, legte er mich ins Bett. Dann wurde ich zwölf und dreizehn und vierzehn und mein Vater verlernte, wie er mich zum Lachen bringen konnte. Er nahm mich nicht mehr auf den Arm, und wenn ich vergessen hatte, hinter mir die Badezimmertür abzusperren, schimpfte er.
Er spricht nicht gern, nicht nur mit mir nicht, mit niemandem, aber früher fiel das nicht auf, da spielten wir Fangen, lachten und versteckten die Schuhe meiner Mutter unter der Couch. „Mein Gott, Ismet, könnt ihr nicht etwas Vernünftiges spielen?“, rief sie dann, und mir gefiel, dass sie auch ihn meinte, dass er in ihren Augen ein Kind war so wie ich eines war. Jetzt steht er da und schweigt. Fängt Sätze an und bricht sie mittendrin ab. Ich verstehe ihn trotzdem, immer noch.

Die erste Kiste habe ich noch geöffnet, bei der zweiten mache ich mir dir Mühe nicht mehr. Ich schiebe sie vorsichtig mit den Füßen über den Boden bis zur Treppe, eine nach der anderen. Die letzten beiden Kisten sind schwer, langsam ziehe ich sie rückwärts bis zur Treppe, die Kartons sollen am Boden nicht einreißen. Als ich mich umdrehe, steht mein Vater oben an der Tür. Er trägt weiße Turnschuhe.
„Wenn du willst, ich kann…“, sagt er.
Ich hebe die Schultern. Er kommt herunter. Mit dem Kinn deute ich auf eine der leichten Kisten. Die schweren schleppen wir zusammen hinauf, obwohl er das mit seinem kaputten Rücken gar nicht soll. Er will aber nicht warten, bis die Leute vom Roten Kreuz da sind. Lieber beißt er vor Schmerz die Zähne zusammen, als dass er jemand Fremden um Hilfe bittet. Sein Rücken ist schon seit Jahren kaputt, das kommt von den Holzpaletten, die er in der Fabrik aufs Band heben musste. 36 Jahre lang, dann wurde die Produktion nach Tschechien verlagert und er Frührentner.

Als wir fertig sind, hole ich uns aus der Küche eine Flasche Wasser. Mein Vater betrachtet die Kistenstapel, dann stemmt er sich gegen einen der Stapel und schiebt ihn noch ein Stück gegen die Wand, er soll niemandem im Weg stehen.
Ich reiche ihm das Wasser, er trinkt, schluckt aber nicht gleich, sondern behält das Wasser einen Moment im Mund.
„Am Samstag fliege ich nach Istanbul“, sagt er dann.
„In die Wohnung?“
„Auch. Ich will ein paar Tage Urlaub machen.“
Mein Vater hat noch nie Urlaub gemacht. Unter Urlaub verstand er, nicht in den Betrieb fahren zu müssen und jedes Jahr im Juli in seinem Honda ohne Pause bis Istanbul durchzubrettern. Die Hagia Sophia, den Blick auf den Bosporus, das kennt mein Vater nur aus dem Fernsehen. Für so etwas war in den Sommerferien keine Zeit. Da mussten Fliesen gefugt werden.

Er will die Wohnung verkaufen. Ich bin mir sicher. Er will sie loswerden, so wie er die Kisten aus dem Keller loswerden will. Er traut sich nur nicht, es mir zu sagen. Weil er denkt, ich hinge daran, oder weil er fürchtet, es wäre ayıp. Ayıp, das gehört sich nicht, das ist Schuld und Schande zugleich. Alles war ayıp in den Augen meiner Mutter, die Lust, sich etwas zu gönnen, Überfluss, Spass. Nur sein eigenes Leben aufzuschieben, das war nie ayıp.
„Ich kann mitkommen.“
Er antwortet nicht.
„Helfen.“
Ich spreche genauso abgehackt wie er.
„Musst du nicht.“
Will er nicht? Traut er sich nicht? Soll ich hartnäckig bleiben?
Da hält schon ein weißer Transporter mit einem roten Kreuz vor der Tür.
„Ich habe noch zwölf Urlaubstage“, sage ich.
Er schüttelt nur den Kopf und hängt die Haustür ein. Mein Blick fällt auf seine fleckenlosen Schuhe. Jetzt sehe ich auch, dass er Jeans trägt. Das ist mir die ganze Zeit nicht aufgefallen. Früher habe ich ihn oft gefragt, warum er diese hässlichen Stoffhosen mit Bügelfalte trägt und nicht Jeans, wie andere Väter. Jeans seien nichts für ihn, sagte er, und ich lernte, saubere Falten vom Saum bis zum Bund zu bügeln.
Die beiden Männer vom Roten Kreuz sind kräftig, der eine hebt sich zwei Kartons auf einmal auf die Schulter. Mein Vater nimmt eine kleine Kiste hoch. Bevor er zur Tür hinausgeht, sage ich schnell: „Ich finde es gut, dass du die Wohnung verkaufst. Ihr habt doch genug gewartet und gespart. Mach dir das Leben schön.“
Er geht in die Hocke, stellt die Kiste ab. Damit hat er nicht gerechnet.
Mit der Fußspitze stupse ich seinen Schuh an.
Er lächelt, sieht mich an, ich schaue nicht weg und lächle zurück.
„Mama hätte sicher auch nicht gewollt, dass du alleine in Istanbul wohnst.“
Einer der Helfer kommt zurück ins Haus, hinter ihm der zweite, mein Vater macht ihnen Platz.
„Ist noch was im Keller“, fragt der Zweite. Mein Vater schüttelt den Kopf. Dann geht er wieder in die Hocke und nimmt den Karton hoch. Unser Moment ist vorbei.
Als alle Kartons fort sind, sehe ich auf dem Boden eine Karte liegen, golden und gelb, der „Kuss“ von Klimt. Ich hebe sie auf und denke erst, dass sie aus einem der Kartons gefallen sein muss. Dann erkenne ich die ungelenke Handschrift meines Vaters. Er hat auf Deutsch geschrieben.
„Meine Liebe, ich freue mich auf Dich, am Sonntag frühstücken wir am Bosporus. Dein I.“
Er ist noch draußen beim Transporter.
Ich lasse die Karte auf den Boden fallen und gehe hinunter in den Keller, nachsehen, ob ich auch wirklich nichts vergessen habe. Er wird die Karte nicht übersehen, sie liegt mitten im Weg.
Ich kann jetzt nicht mit ihm darüber sprechen.
Später vielleicht.

Veröffentlicht in:
„Die Taubenjägerin“
Die besten Geschichten aus dem MDR-Literaturwettbewerb 2014
Hrsg. von Michael Hametner
ca. 190 Seiten | 12,80 Euro
ISBN 978-3-940691-57-6
poetenladen Verlag, Mai 2014