Spazieren – aber warum zu Fuß?

Wir sind mit meiner Cousine nach Potsdam gefahren. Mein Mann hatte sich darum gekümmert, dass wir zur rechten Zeit loskommen, mit dem Regionalzug statt mit der S-Bahn fahren und auch genügend Anschlusstickets haben. Meine Cousine, die Kinder und ich mussten uns nur antreiben lassen und ihm hinterhertrotten.

Als ich am Morgen die Augen aufschlug, weil mein Sohn mir mit dem Zeigefinger ein Loch in den Hals bohren wollte, stand mein Mann geduscht am Bett und sagte, in einer Stunde fünfzehn müssten wir aus dem Haus sein. Ich rief meine Cousine an, die bei einer Nachbarin im Erdgeschoss übernachtet hatte, weil ich keine Lust hatte, extra mit dem Lift hinunterzufahren. Sie klang sehr verschlafen, versprach aber sich zu beeilen. So verpassten wir den Zug nur ganz knapp. Dass wir deshalb die S-Bahn nehmen mussten, ist in meinen Augen kein Ding. In denen meines Mannes allerdings schon. Zwölf Minuten sind zwölf Minuten.

„Wir gehen vom Bahnhof zum Neuen Garten, im Schloss Cecilienhof können wir etwas essen, dann baden wir im Jungfernsee und fahren mit dem Wassertaxi zurück zum Bahnhof. Das sind ungefähr vier Kilometer Fußweg“, sagte er. Vier Kilometer, dachte ich, an diesem brütend heißen Tag. Der Weg war staubig, und meine Cousine trug ein Flanellhemd, weil es am Morgen kühl gewesen war. „Macht dir der Ausflug Spaß?“, fragte mein Mann meine Cousine. „Ja, sehr“, sagte sie.

Auch mein Mann war jetzt sehr zufrieden, nur ich nicht. Es hatte sich ja gerade herausgestellt, dass meine Geh-Faulheit eine sehr individuelle Macke war, während ich ihm bisher immer erzählt hatte, sie liege bei uns in der Familie. Bei unserem ersten gemeinsamen Besuch bei meinen Eltern waren wir mit dem Auto spazieren. Das heißt, wir fuhren im Auto durch unsere schöne schwäbische Heimat. Einmal stiegen wir sogar aus, liefen bis zu einem Kornfeld und setzten uns dort auf eine Bank, ehe wir zum Auto zurückkehrten. Seit damals heißt so eine Ausfahrt für meinen Mann türkischer Spaziergang.

Im Neuen Garten wollten sich die Kinder den Eiskeller ansehen, nicht weit entfernt davon fand ich eine Bank. Mein Mann blieb bei den Kindern, wir beiden Cousinen setzten uns in den Schatten. Als wir uns einigermaßen erholt hatten, stand ich auf, um die anderen zu suchen. „Musst nicht laufen“, sagte sie. „Ich rufe sie kurz auf dem Handy an.“

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