Plötzlich Lust auf Weihachten

Wir saßen um den Küchentisch meiner Freundin herum und aßen bei karger Beleuchtung die Kuchenreste des letzten Kindergeburtstags. Die beiden Lampen über dem Tisch hatten den Geist aufgegeben, selbst dem Heimwerker ihres Vertrauens war es nicht gelungen, sie zu reparieren, also zündeten wir Kerzen an. Die warfen ihr warmes Licht auf die weinroten Polster der Sitzbank, es roch nach Kaffee und Mandarinenschalen, und mit einem Mal war mir furchtbar nach Weihnachten. Nach einem Baum und Plätzchen, nach roten Kerzen und Strohsternen. Wo doch noch nirgends Weihnachten ist, nur in der Werbung und am Eingang des Supermarktes, links, beim Gemüse.

Statt in Unruhe und Aufregung zu verfallen wie sonst, wenn mir ein besonders guter Einfall kommt, habe ich mich sofort geschämt. Wie komme gerade ich dazu, mich nach Weihnachten zu sehnen? Meine Familie hatte es doch generationenlang nicht mit Jesus und den Heiligen Drei Königen und feierte deshalb nur halbherzig. Und wir, als neue Kleinfamilie, feiern ebenfalls kein Weihnachten, was die Großeltern väterlicherseits allerdings wenig kümmert. Sie schenken so viel, dass es nicht auffällt, dass Mutter und Vater und der mütterlicherseits aus Anatolien stammende Teil der Familie nichts gekauft haben.

Bei uns gibt es lediglich einen selbst gebastelten Baum aus Karton. Ich glaube, unser erstes Gitterbettchen war in dieser Pappe verpackt. Diesen Baum stellen wir Jahr für Jahr auf, selbst die Kerzen und die Kugeln sind aus Karton. Sind die Feiertage herum, schieben wir den Baum flach zusammengefaltet in die Lücke zwischen Kinderzimmerwand und Schrank.

Ich horche in mich hinein und versuche zu ergründen, woher plötzlich meine Weihnachtsnostalgie kommt. Ich horche und höre nichts, aber ich spüre etwas. Das lässt sich so in Worte fassen: Ich will halt. Als toleranter Mensch sollte man sich erlauben, Lust auf Dinge zu haben, auf die man Lust hat. Selbst wenn es sich um Weihnachtsbäume handelt. Man erlaubt sich doch auch sonst allerhand. Tütenweise Chips mit Chiligeschmack. Hohe Schuhe, in denen man nicht gehen kann. Eine Gitarre, auf der man nicht spielt, und ein Computerspiel, das man sehr oft spielt. Bücher, die sich neben dem Bett stapeln und immer wieder und nie weiter als bis Seite 46 gelesen werden.

Meine Freundin sagt:„ Mein Gott, deine Sorgen hätte ich gerne.“ Besorgt frage ich, was denn ihre Sorgen seien, und beschimpfe mich stumm für meine Oberflächlichkeit. Sie denkt nach, dann sagt sie, sie habe gerade keine Sorgen. Aber sicherlich würden ihr welche einfallen, sobald ich aus der Tür sei. Als ich in der Tür stehe, frage ich sie, ob ihr nun etwas eingefallen ist. „Ja“, antwortet sie. „Du warst meine einzige Freundin, für die ich nie ein Weihnachtsgeschenk besorgen musste. Und jetzt das.“

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