Mit Unterhosen putzt man nicht

Als die Putzfrau das Sofa von der Wand zieht, beschließe ich, die Wohnung zu verlassen und irgendwo einen Kaffee zu trinken. Sie bleibt drei Stunden, da bleibt mir nach dem Kaffee sogar noch genügend Zeit, um zu Obi zu fahren und endlich das ausziehbare Wäschegitter umzutauschen. Ich habe gestern Abend unter hämischen Kommentaren meines Mannes den Schreibtisch leergeräumt und mit einem feuchten Lappen drübergewischt. Auch die Fensterbretter und die frei zugänglichen Stellen an den Bücherregalen habe ich saubergemacht. Ich finde, das reicht. Ich muss ihr nicht auch noch Gesellschaft leisten.

Unsere Putzfrau macht gründlich sauber, und im Grunde mögen wir einander recht gern. Sie weiß genau, was sie will. Sie schreibt mir auf, welches Scheuerpulver sie haben will und welchen Edelstahlreiniger, sie braucht Brennspiritus und Tabs, die man ins Klo werfen kann. Die größten Probleme in unserem Haushalt sind ihrer Meinung nach Kalk, Staub und Haare. Mein Mann und ich haben mehr als genug Haare auf dem Kopf. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Über Kalk haben unsere Putzfrau und ich schon lange nicht mehr geredet. Den scheint sie irgendwie abgeschafft zu haben, obwohl wir weiterhin so hartes Wasser haben. Wir unterhalten uns lieber über die Angewohnheiten der anderen Leute, bei denen sie putzt. Das ist wesentlich interessanter.

Ich habe nicht nur Staub gewischt, ich habe auch unter dem Bett gesaugt und im Kinderzimmer alles aus dem Weg geräumt, was beim Bodenwischen stören könnte. Den Sand im Flur habe ich mit den Füßen zusammengeschoben und das Häufchen mit nassem Küchenpapier aufgetupft. Unsere Putzfrau soll nicht denken, dass wir dreckig sind.

Statt aber mein Vorbereitungsputzen zu würdigen, schimpft sie über die alten, aber bei 90 Grad gewaschenen Herrenshorts, die ich in den Eimer mit den Putzlappen geworfen hatte. Sie putze nicht mit Unterhosen, sagt sie. Kein Problem, sage ich und denke an meine Tante. Die hängt keine Damenunterhose neben Herrenunterhosen, sie verhängt Unterwäsche grundsätzlich nur mit T-Shirts und Hemden. Jeder, wie er mag.

Dann macht unsere Putzfrau eine Bemerkung über meinen Bauch. Sie macht oft Bemerkungen über meinen Bauch. Diesmal fragt sie, ob ich abgenommen hätte. Zwei Kilo? Beim letzten Mal hat sie noch gesagt, ich hätte drei oder vier Kilo zugenommen. Manchmal fragt sie, ob ich schwanger sei. Manchmal sagt sie, meine Brüste seien größer geworden. Ein andermal fragte sie, ob ich nur an den Schläfen so viele graue Haare hätte oder überall. Als ich bei Obi an der Kasse stehe, hoffe ich, dass zu Hause alles in Ordnung ist. Lieber Gott, mach’, dass sie keine Unterhosen hinter dem Sofa findet.

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Radfahren ist nichts für mich

Am Mittwoch vergangener Woche fuhr ich mit dem Rad nach Charlottenburg. Die Sonne schien, der Radweg war breit, ich schoss mit einigem Tempo an der Spree entlang und freute mich, dass ich ohne Mühe im sechsten Gang fahren konnte. Ich war gerade unter einer Brücke durchgefahren, da kam jemand von der Seite, ebenfalls auf dem Rad. Ich nahm an, er würde bremsen, er nahm an, ich würde bremsen, also bremste erst keiner von uns und dann alle beide, aber mit Karacho. „Bisschen langsamer würde auch gehen, oder?“, rief der andere, und ich: „Sie waren doch genauso schnell!“ Damit war die Sache noch nicht vorbei. „Es gilt immer noch rechts vor links“, brüllte der andere, woraufhin ich meinen Jetzt-werde-ich-Ihnen-aber-mal-was-sagen-Blick aufsetzte und rief: „Wer kam denn hier von rechts?“ Die Ruferei war unnötig, wir standen keinen Meter voneinander entfernt. Weil der andere das jetzt auch bemerkt hatte, sagte er ganz ruhig: „Ich kam von rechts.“

Weil ich mich mit so einem Quatsch natürlich nicht aufhalten lasse, stieg ich wieder aufs Rad und fuhr weiter, nach ein, zwei Tritten floss wieder sauerstoffgesättigtes Blut durch mein Hirn, und vielleicht lag es daran, dass ich mich jetzt auch wieder erinnerte, wo rechts und wo links war. Und dabei feststellte, dass der andere recht gehabt hatte. Ich hätte ihn vorbeilassen müssen. Ob er noch länger stehen blieb, kann ich nicht sagen. Ich musste ja nach vorne gucken.

Am Freitag stieg ich wieder aufs Rad, diesmal, um meinen Sohn von der Kita abzuholen. Der Eingang zum Garten war mit rot-weißem Absperrband umwickelt, hüfthoch aber nur, also bückte ich mich und schlüpfte drunter durch. Ichmusste ja zu meinem Kind. Zwei andere hatte ich an der Hand, ein eigenes und ein mir für den Nachmittag anvertrautes. Die Bauarbeiter schimpften, ich lächelte freundlich zurück. Während ich nach meinem Sohn Ausschau hielt, umwickelten die Bauarbeiter das Tor und auch die Tür zum Fahrradabstellplatz mit ihren Bändern. Das merkte ich erst auf dem Weg hinaus, nun mit drei Kindern im Schlepptau.

Diesmal wurden die Bauarbeiter laut: „Gehen Sie die zwei Meter doch außenrum, Herrgott, ist das so schwer?“ – „Ich muss doch zu unseren Fahrrädern“, rief ich, worauf sie erwiderten: „Wie kann man nur so verantwortungslos sein!“ Darauf sagte ich dann nichts mehr, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als umzukehren, ich wäre aus dem rotweißen Sperrgebiet sonst nicht mehr hinausgekommen. Also krochen wir zu viert unter dem Band wieder hindurch. Im Garten gab es fragende Blicke der Erzieher, der Eltern und vieler vernünftiger Kinder.

Aus so viel Missgeschick habe ich jetzt den einzig möglichen Schluss gezogen. Ich werde das Radfahren bleiben lassen. Das ist einfach nichts für mich.

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Beine machen, was sie wollen

Im Zeichenkurs haben wir mit geschlossenen Augen gezeichnet. Wer nicht anders konnte, durfte die Augen offen lassen, den Blick aber keinesfalls vom Modell abwenden oder er musste stur zum Fenster hinaussehen. Das soll einem die Angst vor dem weißen Blattnehmen und die Hand lockern. Die Hand zeichnet schon, ohne dass sich der Kopf dazu entschlossen hat. Das hilft, man kann ja nicht immer darauf warten, dass man innerlich soweit ist. Solche Übungen gibt es auch fürs Schreiben. Wildes Schreiben haben wir das in der Schreibwerkstatt genannt. Der Stift durfte nicht abgesetzt werden, sondern musste immer weiter, immer weiter, immer weiter. Wenn ich nicht mehr wusste, was ich schreiben sollte, schrieb ich „Ich weiß nicht, was ich schreiben soll“ oder „Humpen pumpen sonntags schöner, Freitag ist Walpurgisnacht. Wer immer lacht, ist niemals dumm, kannst du mir einen Hammer leihen?“ Das ist schrecklich. Wenn man einmal damit angefangen hat, kommt man nicht mehr hinterher. Als hätte man ein kleines Loch in eine Tüte mit Wasser gerissen, die Gedanken laufen und laufen aus einem heraus, so lange, bis man ausgelaufen ist. Und sich fühlt wie eine leere, nasse Tüte.

Meist kommen die Wörter schnell, sie sind schneller als die Hand. Mit dem Schreiben komme ich kaum hinterher. Mit dem Tippen auch nicht, obwohl das schneller geht. Ich verschreibe mich selten, aber ich vertippe mich andauernd. Meine Finger halten sich nicht an die Reihenfolge. Dabei habe ich die einmal gelernt, meine Finger kennen ihre Position, trotzdem tippen sie nach eigenen Rgelen, ach, Regeln.

Mein Mann hat das Joggen angefangen. Nicht überlegen, ob man heute laufen gehen soll oder nicht, sondern Schuhe anziehen und raus. Der ist gelaufen, Kniebeugen hat er gemacht, die Waden gedehnt und sitzt heiß und kalt geduscht vor seinem Frühstück, noch bevor er es gemerkt hat. Das habe ich auch versucht. Als ich die Treppen hinunterlief, rief es in mir „nein, nein, nein“. Ich lief und lief, ich hatte mich selbst überlistet, doch ehe ich mich versah, stand ich am Aufzug, fuhr nach oben und war nach viereinhalb Minuten wieder zu Hause. „Schon zurück?“, fragte mein Mann. „Nein, ich jogge noch“, antwortete ich. Das war nicht gelogen. Im Kopf lief ich, aber ich habe keine Kontrolle über meinen Körper. Die Gedanken kommen, wie sie kommen, die Finger tippen, was ihnen gefällt, und die Beine machen ohnehin, was sie wollen.

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Deutsche Lappen sind die besten

Die Drogerie nebenan ist meiner Cousine zum Verhängnis geworden. Den Großteil ihres Geldes, das sie sich für ihre Sommerferien in Berlin mitgebracht hatte, hat sie dort gelassen. Sie hat es für Putzlappen, Staubwedel, Flaschenbürsten, Spültücher, Einweghandschuhe, Teefilter, Scheuerlappen, Einmal- Waschlappen und Fensterleder ausgegeben. „Das gibt es in der Türkei doch auch“, sage ich zu ihr.

Sie kniet auf ihrem Koffer, und sobald sie das Gewicht verlagert, quellen die Spülschwämme an den Ecken heraus. Der Reißverschluss lässt sich kaum schließen. „Eure Putztücher sind besser“, sagt sie. Ich weiß, ich bin damit groß geworden: „Made in Germany“ schlägt „Made in Turkey“, selbst wenn das, was im deutschen Laden verkauft wird, in Wahrheit „Made in China“ ist. „Meine Mutter wird sich riesig freuen“, sagt meine Cousine.

Ich stelle mir vor, es wäre meine Schwester, die seit 40 Jahren in einem Land lebte, von dem ich schon allerhand gehört hätte, in dem ich selbst aber noch nie gewesen wäre, und meine erwachsene Tochter wäre die Erste, die ihre Tante in der Ferne besucht. Nach Wochen käme das Kind zurück, es würde sich mir am Flughafen in die Arme werfen und am Abend seinen prall gepackten Koffer auspacken. Und dann spränge mir ein Dreierpack Topfreiniger entgegen, dazu eine Spülbürste und eine Tüte mit baumwollgefütterten Spülhandschuhen, wie es sie auch im Kaufhaus in meiner Straße gibt „Schwammtücher aus der EU! Deutsche Lappen in freundlichem Orange und frechem Apfelgrün!“, würde ich rufen und meine Tochter an die Wange drücken.

Meine Cousine quetscht ungerührt weiter, der Koffer lässt sich erstaunlicherweise doch schließen und wiegt nur wenig mehr als die erlaubten 20 Kilo. „Gegen anderthalb Kilo mehr wird sicher niemand etwas haben“, sagt meine Cousine.

Meine Mutter, meine Tanten, die meisten türkischen Frauen, die ich kenne, putzen viel. Sie putzen Dinge, die ich noch nie in meinem Leben geputzt habe, die Wohnungstür zum Beispiel. Das Fensterbrett auf der Fassadenseite. Das Stück Regenrinne, das man vom Balkon aus erreichen kann. Sie waschen das Geschirr, das gespült werden soll, erst mit heißem Wasser ab, dann mit Seifenwasser und hinterher nochmal mit heißem.

Doch, doch, meine Cousine kennt ihre Mutter gut. Meine Tante wird jauchzen beim Anblick der Mikrofasertücher.

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Blond ist auch in Ordnung

Unserem Ken ist die Hüfte gebrochen. Und unserer Tochter das Herz. Jedenfalls tut sie so, und die ganze Familie sucht nach einem neuen Ken. Aber nicht nach irgendeinem. Dunkelhaarig müsste er sein. Ken ist Barbies Freund, unseren haben wir auf dem Flohmarkt gekauft. Ich weiß nicht, woher ich jetzt einen dunkelhaarigen Ken bekommen soll.

Meine Freundin hat angeboten, Ken im Labor zu reparieren. Sie ist Anaplastologin. Anaplastologen stellen Gesichtsteile her. Nasen, Augenlider, auch Wangen aus Silikon, die von Hand geformt und eingefärbt werden. Wenn jemandem wegen eines Tumors oder eines Unfalls so viel vom Gesicht fehlt, dass ein plastischer Chirurg nichts mehr tun kann, dann stellt meine Freundin eine solche Prothese her. Wer Nasen und Ohren formen kann, die von echten Nasen und Ohren nicht zu unterscheiden sind–mit Poren und Äderchen, mit Pigmentflecken und Härchen –, der kann wohl mit Leichtigkeit eine kaputte Hüfte reparieren, erkläre ich meiner Tochter. Geduldig warten wir auf Kens Rückkehr aus der Klinik.

Als er wiederkommt, kann er beide Beine wieder bewegen, auf dem Lehnstuhl sitzen und sich aufs Barbiefahrrad schwingen. Als er jedoch mit Barbie reiten soll, knackst es so leise, dass wir es kaum hören. Erst als das eine Bein schwer in der silbernen Prinzenhose hängt und schließlich fast aus dem Hosenbein rutscht, sehen wir, was passiert ist. Die neuen Kens sind alle blond, selbst die gebrauchten bei Ebay. Es fällt mir schwer, meiner Tochter die blonden Jungs anzupreisen. Die Dunkelhaarigen seien die Schöneren, Männer wie Frauen, erkläre ich ihr doch seit dem Tag, an dem sie zum ersten Mal sagte, sie hätte viel lieber blonde Haare. Jetzt habe ich sie so sehr auf Dunkel konditioniert, dass sie mir nicht glaubt, wenn ich sage: „Komm, der blonde Ken sieht doch super aus.“ Sie nimmt keinen anderen, und die Freundin, die versucht hat, seine Hüfte zu retten, gibt ihr recht. Sie sagt, die blonden Kens sähen bubihaft aus.

Vor dem Schlafengehen lese ich nun wieder Dornröschen vor, nicht mehr Schneewittchen mit dem Haar wie Ebenholz. Das Dornröschen in unserem Buch hat langes, blondes Haar. Auch Rapunzel ist blond, Aschenputtel, Gretel und das Waisenkind aus den Sterntalern. Ganz sachte darf das Blond Einzug halten in unser Haus. Dank Kens Hüftschaden.

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Selektive Erinnerung

Fünf Wochen hat unsere Reise durch die Slowenien, Kroatien und Bosnien gedauert. Ein Freund in Sarajevo hatte uns geraten, unbedingt noch weiterzufahren bis nach Kotor in Montenegro. Als wir aber in Dubrovnik angekommen waren, fand ich, 1 650 Kilometer Heimweg seien lang genug. Ich wollte nicht noch 180 Kilometer dazu.

In einem kleinen Notizbuch habe ich alle Stationen unserer Reise festgehalten, München: zwei Nächte, Villach: eine, Bled: drei. Hätte ich das Büchlein nicht, wüsste ich heute nicht mehr, wo wir waren. Wir haben Fotos gemacht, natürlich. Auf denen sind aber immer nur die Kinder zu sehen.

Es gab viele schöne Momente auf der Reise. Den Tag an den Plitvicer Seen etwa, als das eiskalte Wasser plötzlich über die Holzstege schwappte und alle die Schuhe ausziehen mussten, ehe wir weiterspazieren konnten. Oder die Holzhexe in dem Lokal in Bled, die zur Freude der Kinder unglaublich laut krächzte, wenn man in die Hände klatschte. Meine Tochter sagt, sie sei das Beste an der Reise gewesen. Ich habe gelesen, dass man sich als Erwachsener an fast nichts mehr aus der Zeit erinnert, in der man jünger als vier Jahre alt war. Unsere Kinder werden sich ganz gewiss an dieses krächzende Monstrum erinnern.

Damit sie sich später einmal auch an den Rest erinnern, erzähle ich ihnen immer wieder von dem neugeborenen Kälbchen und den Seen, den Kiesstränden und was „Guten Morgen“ auf Kroatisch heißt. Inzwischen habe ich ihnen und allen anderen aber so häufig davon erzählt, dass ich nicht mehr unterscheiden kann, ob ich mich an die Reise erinnere oder an das, was ich darüber erzähle. Ich erzähle immer dasselbe, manchmal ist die Geschichte bis hin zur Wortwahl identisch. Die Erinnerung hat sich verselbstständigt.

Je öfter ich über diesen Urlaub spreche, desto mehr verblasst all das, worüber ich nicht spreche. Ich muss im Notizbuch nachsehen, an welchen anderen Orten wir noch waren, weil die langweiligen Tage und die, an denen wir uns im Auto angeschrien oder beim Frühstück nicht miteinander geredet haben, in meiner Geschichte nicht vorkommen. Und ich bereue jetzt auch, nicht bis Montenegro gefahren zu sein. Ich habe mir Bilder von den Stränden dort angesehen. So oft, dass ich mich genau an den Nachmittag in Kotor erinnere, an dem der Wind unseren Sonnenschirm über den ganzen Strand rollte.

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Spazieren – aber warum zu Fuß?

Wir sind mit meiner Cousine nach Potsdam gefahren. Mein Mann hatte sich darum gekümmert, dass wir zur rechten Zeit loskommen, mit dem Regionalzug statt mit der S-Bahn fahren und auch genügend Anschlusstickets haben. Meine Cousine, die Kinder und ich mussten uns nur antreiben lassen und ihm hinterhertrotten.

Als ich am Morgen die Augen aufschlug, weil mein Sohn mir mit dem Zeigefinger ein Loch in den Hals bohren wollte, stand mein Mann geduscht am Bett und sagte, in einer Stunde fünfzehn müssten wir aus dem Haus sein. Ich rief meine Cousine an, die bei einer Nachbarin im Erdgeschoss übernachtet hatte, weil ich keine Lust hatte, extra mit dem Lift hinunterzufahren. Sie klang sehr verschlafen, versprach aber sich zu beeilen. So verpassten wir den Zug nur ganz knapp. Dass wir deshalb die S-Bahn nehmen mussten, ist in meinen Augen kein Ding. In denen meines Mannes allerdings schon. Zwölf Minuten sind zwölf Minuten.

„Wir gehen vom Bahnhof zum Neuen Garten, im Schloss Cecilienhof können wir etwas essen, dann baden wir im Jungfernsee und fahren mit dem Wassertaxi zurück zum Bahnhof. Das sind ungefähr vier Kilometer Fußweg“, sagte er. Vier Kilometer, dachte ich, an diesem brütend heißen Tag. Der Weg war staubig, und meine Cousine trug ein Flanellhemd, weil es am Morgen kühl gewesen war. „Macht dir der Ausflug Spaß?“, fragte mein Mann meine Cousine. „Ja, sehr“, sagte sie.

Auch mein Mann war jetzt sehr zufrieden, nur ich nicht. Es hatte sich ja gerade herausgestellt, dass meine Geh-Faulheit eine sehr individuelle Macke war, während ich ihm bisher immer erzählt hatte, sie liege bei uns in der Familie. Bei unserem ersten gemeinsamen Besuch bei meinen Eltern waren wir mit dem Auto spazieren. Das heißt, wir fuhren im Auto durch unsere schöne schwäbische Heimat. Einmal stiegen wir sogar aus, liefen bis zu einem Kornfeld und setzten uns dort auf eine Bank, ehe wir zum Auto zurückkehrten. Seit damals heißt so eine Ausfahrt für meinen Mann türkischer Spaziergang.

Im Neuen Garten wollten sich die Kinder den Eiskeller ansehen, nicht weit entfernt davon fand ich eine Bank. Mein Mann blieb bei den Kindern, wir beiden Cousinen setzten uns in den Schatten. Als wir uns einigermaßen erholt hatten, stand ich auf, um die anderen zu suchen. „Musst nicht laufen“, sagte sie. „Ich rufe sie kurz auf dem Handy an.“

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Ausflug ins Paradies

Als Kind habe ich mir oft vorgestellt, wie es wäre, sich im Kaufhaus einschließen zu lassen. Ich hätte mir Chips aus der Lebensmittelabteilung geholt und Cola, wäre hinauf zu den Fernsehern oder zu den Zeitschriften geschlichen, dann in eines der Betten.

Die Elternmeines Cousins besaßen kein Kaufhaus, aber dafür den einzigen türkischen Lebensmittelladen in der Stadt. Klein und eng war er. Der Cousin war gar kein richtiger Cousin, seine Eltern kamen aus demselben Ort in der Türkei wie meine, es gab auch eine Eheschließung, die uns zu entfernten Verwandten machte, aber weil erwachsene Frauen von Kindern mit „Teyze“, Tante, angesprochen werden, war seine Mutter meine Tante und er mein Cousin. Ganz einfach.

Der Cousin wohnte mit seinen Schwestern und den Eltern in einer Wohnung über dem Laden. Wenn wir zu Besuch waren und es Abend wurde, schickte man uns hinunter, um Gemüse, Brot und Getränke fürs Abendessen zu holen. Das war ein wenig so, wie ich mir die Nächte im Kaufhaus vorstellte, zwei Treppen hinunter, und wir standen im Paradies: Orangen, Oliven, Marmelade und Salzstangen, Schokoriegel, Limo und Nutella. Wir futterten uns durch das Angebot, das der Onkel im Großmarkt gekauft hatte. Wenn wir wieder hoch in die Wohnung kamen, gab es Ärger, nicht weil wir uns schon mit Süßem satt gegessen hatten, sondern weil wir so lange gebraucht hatten.

Als wir uns eines Tages durch das gesamte Süßigkeitenregal gegessen hatten, kamen wir auf die Idee, uns auszuziehen und uns einmal ganz genau zu untersuchen. Nicht im Verkaufsraum, wo von draußen jeder hätte hereinsehen können. Wir versteckten uns hinten im Lager. Einmal erwischte uns die große Schwester zwischen Kisten mit Lauch und Stapeln von Küchenpapier, man hatte sie geschickt, weil die Zwiebeln im Topf schon glasig waren, wir das übrige Gemüse aber noch nicht geliefert hatten. Vorwurfsvoll nahm sie den Einkaufskorb mit Tomaten und Paprikaschoten an sich, zischte „Das sag ich Papa“ und rannte die Treppe hoch. Sie hat uns nicht verraten, aber uns mit „Das sage ich Papa“ in Schrecken versetzt – wenn wir nach dem Spielen nicht aufräumen oder keine Nugatwaffeln für sie holen wollten.

Der Gedanke, nachts im Kaufhaus eingeschlossen zu werden, verlor von da an seinen Reiz. Ich mag auch Süßes nicht sehr. Das ist allein die Schuld meiner Cousine.

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Mut zum ersten Schritt

Meine Freundin ist Journalistin, sie schreibt gerne und interessiert sich für fast alles. Für die Recherche muss sie häufig Leute anrufen, die sie nicht kennt, Leute treffen, die sie nie gesehen hat, manchmal muss sie sogar Leute auf der Straße ansprechen. „Ich quäle mich so.“ Nun wird sie aber immerzu losgeschickt, wenn jemand auf der Straße befragt werden muss oder ein Interview geführt werden soll. Sie könne so gut mit Menschen, sagt ihre Chefin.

Bevor sie einen Laden betritt, in dem sie mit dem Inhaber über die steigenden Mieten oder über die fallenden Umsätze sprechen soll, schleicht sie eine Ewigkeit herum und macht sich Mut. Sie sagt, sie wisse ja, dass sie nur hineingehen müsse, „Guten Tag“ sagen, lächeln und dem Mann hinter der Theke die Hand geben. Wie von selbst

„Guten Tag, wir sind verabredet, ich komme von der Zeitung.“ Wenn sie diese Wort gesprochen habe, komme der Rest wie von selbst, sagt sie. Dann sitzt sie bei Leuten, fragt, hört zu und erzählt ein bisschen von sich. Hinterher hat sie den Block voller Notizen und den Kopf voller Eindrücke, geht zurück an ihren Schreibtisch und tippt in zwanzig Minuten einen wunderbaren Text.

Am Wochenende waren wir beide im Park. Mein Blick fiel auf eine Frau, deren Rockzipfel hinten in ihrem Unterhosenbund steckte. Ich hatte einen Becher Cola in der Hand und wollte nur schnell austrinken, bevor ich aufstehen und zu ihr hinübergehen würde. „Ach je, schau mal, die Frau, man sieht ihren Hintern“, sagte meine Freundin. „Ja, ja, ich weiß.“ Ich nahm einen großen Schluck. „Ich geh gleich rüber zu ihr.“

Ich weiß ja, dass meine Freundin schon bei dem Gedanken, mit der Frau sprechen zu müssen, Bauchschmerzen bekommt. „Noch ein Schluck“, sagte ich und bevor ich soweit war, war meine Freundin schon aufgestanden und über die Wiese gelaufen. Die Frau lachte, zog ihren Rock zurecht. Meine Freundin setzte sich zu ihr und die Frau bot ihr Erdbeeren an. Die beiden lachten und quatschten, ich fragte mich, ob meine Freundin überhaupt wiederkommen würde.

Sie kam wieder. „Ich wäre schon noch rübergegangen“, sagte ich. „Aber du warst schneller.“ Meine Freundin hatte mir ein paar Erdbeeren mitgebracht. Das versöhnte mich. „Außerdem war es mir peinlich“, sagte ich. „Mir erst auch“, sagte meine Freundin. „Aber weißt du, wenn ich mich erst einmal aufgerafft habe, traue ich mich alles.“

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Heimat zu Hause

Das Wort Heimat weckt keine angenehmen Gefühle in mir. Einer Nachbarin – sie wird schon lange tot sein, sie war damals recht alt und ich noch nicht in der Schule – rief uns einmal aus ihrer Wohnungstür zu, wir sollten uns in unsere Heimat scheren, wenn es uns hier nicht gefalle. Ich weiß nicht mehr, was uns damals nicht gefallen hatte. Aber seither gehe ich innerlich in Deckung, wenn mir jemand mit Heimat kommt.

Was soll das sein, Heimat? Wer braucht so etwas? Ich spreche lieber von meinem Zuhause. Zuhause bin ich in Berlin, zuhause bin ich im Haus meiner Eltern in Schwäbisch Gmünd, obwohl ich in diesem Haus nie gewohnt und nie ein Zimmer gehabt habe, zuhause bin ich auch in der Ferienwohnung in Kroatien, die ich für vierzehn Tage gemietet habe. Für diese zwei Wochen ist sie mein Zuhause. Voll und ganz. Ich mag das Wort zuhause, es ist alltäglich, es ist nüchtern und es ist nicht derart gefühlsbeladen. Ein Zuhause kann wechseln und es hat auch nichts mit der Herkunft zu tun.

Das türkische Wort für Heimat heißt memleket. Es wiegt noch viel schwerer als die deutsche Entsprechung, es ist voller Wehmut und Verlust, voller Sehnsucht und Verklärung, Trauer und Nostalgie und voll von all dem, was einem das Herz schwer macht. Das Wort selbst kann nichts dafür. Das Erdrückende kommt davon, dass die Freunde meiner Eltern so wehmütig über ihr memleket sprachen, weil es auf den Musikkassetten im Auto meiner Tante so sehnsüchtig besungen wurde, weil jeder so tat, als sei sein memleket das Beste aller memlekets.

Und wenn jemand wissen wollte, wo denn mein memleket sei, dann holte ich tief Luft und setzte an zu meiner langen Erklärung: Dass ich in Deutschland geboren sei und auch meine Eltern hier lebten, meine Großeltern aber, die lebten in einem Dorf bei Gaziantep im Südosten der Türkei. „Aha“, raunten die Leute dann und nickten wissend.

Wussten sie etwas über Gaziantep oder Schwäbisch Gmünd, das ich nicht wusste? Würde gleich jemand anfangen zu seufzen? Oder würde man mich fragen, wann ich wieder in meine Heimat ginge? Wohin hatte man mich sortiert?

Ich frage inzwischen nicht mehr, wo ich zuhause bin, sondern wann. Ich glaube, es ist der Moment, kurz vor dem Einschlafen, wenn ich noch einmal kurz wach werde und merke, dass ich wohl eben schon weggedämmert sein muss, um dann schließlich einzuschlafen.

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