Eine Bank für eine Pobacke

2014-07-11 18-18-43_0028Mit 40 steht man mit einem Bein schon im Grab“, sagte mein Vater früher. Da meine Eltern recht früh Eltern geworden sind, kann ich mich gut an diesen Satz erinnern und auch daran, dass der 40. Geburtstag meines Vaters noch in weiter Zukunft lag. Inzwischen ist er 66, und er steht noch immer mit einem Bein im Grab. Statt bei der Aussicht auf seinen nahen Tod noch rasch irgendetwas Besonderes erleben zu wollen, arrangiert er sich seit 26 Jahren mit seinem Ende.

Wenn man schon so halb gestorben ist, lohnt sich vieles nicht mehr. Eigentlich lohnt sich gar nichts mehr. Das ist die Erkenntnis, die er daraus gezogen hat. Wenn man tot ist, ist alles vorbei – für den jedenfalls, der gestorben ist. Es kann einem gleich sein, ob man einmal in Australien war, ob man sich morgens und abends die Zähne geputzt hat oder freundlich zu anderen Menschen war. Wie sich die anderen an einen erinnern, interessiert die wenigsten Toten.

Nun lässt sich mein Vater nicht gehen, und die meisten Menschen würden ihn auch in halbverstorbenem Zustand als freundlich bezeichnen. Aber jetzt noch etwas zu tun, was er noch nie getan hat, die Zeit vor dem Ende auszukosten, das käme ihm nicht in den Sinn. Ich weiß nicht, wie alt mein Vater meint, dass er wird. 70? 80? Gar 90? „70!“, ruft er, stöhnt und tut so, als sei das völlig abwegig. „Das ist in vier Jahren“, sage ich. „Wir wissen doch nicht einmal, was morgen ist“, sagt er. Ich weiß, was morgen ist. Mein Vater wird mir helfen, den alten Schrank im Flur zu fotografieren und ihn dann im Internet zum Verkauf anzubieten. Den Platz im Flur braucht meine Mutter für eine Bank. Sie sagt, sie wolle sich hinsetzen, wenn sie sich die Schuhe zubindet. „Wir brauchen doch keine Bank“, sagt mein Vater. „Du nicht“, erwidert meine Mutter. „Du bist ja im Geiste schon eine ganze Weile tot, aber ich brauche eine.“

Es gefällt ihm nicht, wenn man sagt, er sei schon lange tot. Ist er ja auch nicht. Selbst wenn er mit beiden Beinen im Grab stände, tot wäre er dann noch immer nicht. „Tot ist man erst, wenn man tot ist“, sagt er. „Wenn man mit einem Bein im Grab steht, heißt das nicht, dass man tot ist.“ Meine Mutter hat es aufgeben, sich mit ihm darüber zu streiten, wie viel vom Körper im Grab sein muss, bis man tot ist. Einmal sagte sie, wenn er mit 81 immer noch am Leben sei, habe er mehr Zeit seines Lebens halb im Grab als mit beiden Beinen im Leben gestanden. „Keine Sorge, so weit wird es nicht kommen“, sagte er.

„Ich kaufe jetzt eine Bank. Warum frage ich dich überhaupt?“, sagt sie. Es werde schließlich Zeit, dass sie ihre Entscheidungen alleine fälle. Je früher sie damit anfange, desto besser sei es. „Du darfst dich zum Warten gerne auf die Bank setzen, und wenn es dir lieber ist, dann auch gerne nur mit einer Pobacke.“

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Bezahlt wird nicht

2014-07-11 18-30-59_0030Meine Eltern haben einen Computer und mindestens ein Laptop. Es könnte sein, dass in ihrem Keller ein, zwei oder drei weitere Geräte liegen, die nicht mehr richtig funktionieren. Sie warten dort auf den Tag, an dem meine Eltern jemanden kennenlernen, der sich mit kaputten Laptops auskennt. Der Computer in der Werkstatt meiner Mutter funktioniert, aber das heißt nicht, dass sie ihn auch benutzt.

Für alles was mit dem Computer zu tun hat, bin ich zuständig. Nicht dass ich mich besonders gut auskenne, aber wenn etwas über das Internet gekauft, bestellt oder herausgefunden werden muss, klingelt mein Telefon. Dann sehe ich nach, was zwei Flugtickets nach Izmir kosten, oder ob es die teure Gesichtscreme, die meine Mutter bei ihrer Kosmetikerin kauft, nicht doch günstiger zu kriegen ist. Ich suche nach den Öffnungszeiten einer Firma, die feuerfeste Stoffe verkauft oder Lederschärfmaschinen. Hinterher gebe ich die Information am Telefon an sie weiter, oder drucke sie aus und schicke sie mit der Post.

Meine Eltern halten sich eine ganze Schar von Menschen, die sich mit irgendetwas auskennen oder wissen, wie sie etwas beschaffen können. Türscharniere, Blutdruckmessgeräte, Lämmchen, Brennholz, Äpfel. Ich frage mich, wann meine Eltern zuletzt ein Geschäft von innen gesehen haben oder einen Handwerker zu Hause hatten. Meine Mutter flickt jemandem den Motoradoverall, er installiert für sie das Faxgerät. Sie kürzt einen Hosensaum und bekommt dafür einen selbstgeflochtenen Weidenkorb oder fünf Kilo festkochende Kartoffeln. Wahrscheinlich benutzen sie auch kein Geld mehr, wozu auch, es wird ja getauscht. Vier ausgefüllte Formulare für die Krankenkasse gegen zwei Säcke Füllwatte oder eine alte Kommode gegen eine Espressomaschine.

„So haben das schon unsere Väter und Großväter gemacht“, sagt mein Vater. Das glaube ich kaum, mein Großvater hatte immer einen Bündel Geldscheine in der Hosentasche. Er faltete es einmal in der Mitte und wenn wir Enkel in den Laden wollten, gab er jedem von uns ein paar hundert Lira, später Millionen, für Süßigkeiten.

„Unsinn. Wir machen es nicht wie unsere Väter. Wir leben die Zukunft“, sagt meine Mutter, die im Radio etwas über Tauschbörsen gehört hat. „Das funktioniert sogar über das Internet.“ Das bedeutet noch mehr Zukunft. In diesen Börse bietet jemand Malerarbeiten an, ein anderer Massagen, bezahlt wird nicht mit Geld, als Gegenleistung bekommt man stattdessen vier Mal die Haare geschnitten oder muss zwei Monate nicht mehr selbst mit dem Hund Gassi gehen.

„Gründet doch auch eine Tauschbörse bei euch“, sage ich zu meiner Mutter. „Dann können noch viel mehr Leute mitmachen.“ Auf keinen Fall, sagt sie. Ihre Tauschpartner seien handverlesen.

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Schwarz und weiß

2014-07-11 18-34-06_0032

Wir blättern durch das neue Katzenbuch meiner Tochter, darin sind Perser-Katzen, Siam-Katzen, Sphinx-Katzen und allerlei andere Rassen abgebildet. Die Perser-Katze sei die schönste Katze, sagt sie, die Sphinx dagegen die hässlichste. Wenn man sechs Jahre alt ist, sind die Präferenzen noch klar. Schön ist schön und hässlich ist hässlich. Lange hatte ich mir die Welt genauso aufgeteilt, in schön und hässlich, vor allem aber in deutsch und türkisch, und das bis in die kleinsten Details. Beispielsweise war ich überzeugt, der Gebrauch einer Sonnenbrille sei etwas Deutsches, ins Konzert zu gehen, Skifahren, Zeitung lesen ebenfalls. Türkisch war, sich im Hausflur die Schuhe auszuziehen, Tee zu trinken, Besuch am Wochenende, goldene Armreifen, warmes Abendessen statt Abendbrot.

Ich musste nicht lange überlegen, in welche Kategorie etwas gehörte. Es war klar, welchen Anstrich es bekommen würde. Im wahrsten Sinne des Wortes: Das Wort deutsch ist für mich weiß, das Wort türkisch schwarz. Meine Buchstaben haben Farben, auch die Wochentage, Zahlen, Ländernamen, Städtenamen, Namen von Menschen. Der Mittwoch etwa ist grün, der Dienstag gelb, das Wort Frankreich blau, Stuttgart rot, auch die Zahl zwei ist rot, vier blau, zehn ist weiß.

Mein Mann glaubte mir nicht, als ich es ihm einmal beiläufig erzählte. Er fragte mich ab und notierte sich meine Zuordnung, um bei einer anderen Gelegenheit zu überprüfen, ob ich ihn nicht veräppelt hätte. Ich hatte ihn nicht veräppelt.

Die Synästhesie, so heißt die Verknüpfung von Farben, Zahlen und Buchstaben, ist geblieben. Aber die Zuordnung, was deutsch ist und was türkisch, ist durcheinandergeraten. Mir fiel irgendwann auf, dass meine Freundin Ruth auch abends um zehn zu Hause sein musste, obwohl ihre Eltern keine Türken waren. Olivers Eltern bestanden darauf, dass seine Freunde die Schuhe vor der Tür auszogen. In der Sauna hörte ich zwei Frauen Türkisch plaudern, und einmal sah ich sogar welche auf Skiern. Der Verstand erkannte, dass meine Zuordnung nicht recht funktionierte. Aber es scheint im Hirn eine weitere Instanz zu geben, die sich vom Verstand nichts sagen lässt.

Ich staune noch immer, ganz heimlich und leise, über Türken, die sich im Restaurant kommentarlos ein Schweineschnitzel bestellen oder türkische Bekannte, die mir erzählen, ihre Eltern hätten Pferde, richtige Pferde zum Reiten, nicht solche Gäule wie mein Opa für die Feldarbeit.

Ich kenne Deutsche, die sich die Haare mit Henna färben und tatsächlich auch Türken, die im Kloster ein ganzes Wochenende lang schweigen. Ich bin verblüfft über sie und über mich, weil das Denken in schwarz und weiß so schwer auszutreiben ist. Es ist wirklich nicht meine Schuld, es ist die Synästhesie.

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Besser als jede Knusperhexe

2014-07-11 18-35-59_0032Als Hausaufgabe sollte meine Tochter ihre Großeltern fragen, wie die Schule früher war und ein Bild dazu malen. Sie hörte sich zunächst am Telefon die Erzählungen ihres Großvaters väterlicherseits an. Der erzählt sehr detailreich, und je länger er redet, desto mehr fällt ihm wieder ein. Wenn er abschweift, und das tut er oft, spannt er den Bogen anschließend wieder zurück zur eigentlichen Geschichte. Meine Tochter kennt das und holt sich in der Zwischenzeit etwas zu trinken. Das Telefon lässt sie solange auf dem Schreibtisch stehen. Der Opa merkt nicht, dass ihm niemand zuhört. Auch die dazugehörige Oma wurde interviewt, sie hat einen ähnlichen Erzählstil, das bringen vierzig Jahre Ehe mit sich.

Mein Vater redet nicht gerne und wusste zu seiner Schulzeit nicht mehr zu sagen, als dass sie schon sehr lange zurückliegt. Dann gab er den Hörer an meine Mutter weiter. Sie war vier Jahre auf der Schule, dann fand mein Großvater, dass sie genug gelernt hatte und schickte sie nach den Sommerferien nicht mehr hin. „Ich habe jeden Tag geweint“, sagte meine Mutter. „Ich ging so gerne in die Schule. Aber ich musste auf meine Geschwister aufpassen und auf dem Feld helfen.“

Meine Tochter hörte sich die Geschichte meiner Mutter an, als bekäme sie gerade „Hänsel und Gretel“ vorgelesen. Es tauchte aber keine böse Hexe auf, nur blaue Schuluniformen mit weißem Kragen und ein Lineal, mit dem die Kinder geschlagen wurden, wenn der Kragen schmutzig war. „Im Winter mussten wir Holzscheite mitbringen für den Ofen in der Schule, wir hatten ja keine Heizung wie ihr, und wer kein Holz dabeihatte, bekam wieder Schläge mit dem Lineal.“ Meine Tochter war hingerissen. Das niedersausende Lineal war aufregender als jede böse Hexe.

Nach all dem Telefonieren malte sie ein schauerliches Bild, in dem Kinder in blauen Kleidern kleine, schwarze Striche weinten. Eines schaute aus dem brennenden Ofen heraus. So viel künstlerische Freiheit muss sein. Ehe sie Albträume bekommt, ist es besser, sie verarbeitet die Erinnerungen ihrer Großmutter auf diese Art.

Was die Lehrerin zu der Hausaufgabe gesagt hat, erfahre ich nicht, weil sie krank ist. Es sei eine andere Frau dagewesen, und die habe das Bild nicht angesehen, erzählt meine Tochter. Was sie bei ihr gemacht haben, frage ich. „Wir mussten Kartoffeln schälen“, sagt sie. Kartoffeln? Wozu? Mein Kind sagt, die Frau habe sich eine Kartoffelsuppe kochen wollen. „Und danach mussten wir still rechnen. Wir durften nicht nach links oder rechts gucken, nur jeder auf sein eigenes Blatt. Sie hat kleine Vorhänge zwischen uns gespannt und Gitter, die durfte man nicht anfassen. Die waren ganz heiß.“ Das war zu erwarten. Mit Geschichten vom Morgenkreis kann meine Tochter mit ihrer heiß geliebten Großmutter ja schlecht mithalten.

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Das beweinte Plüschtier

2014-07-11 18-38-38_0033Vor ein paar Wochenhaben wir die Kinder übers Wochenende zu meinen Eltern nach Schwäbisch Gmünd gebracht. Mein Mann und ich fuhren weiter in die Schweiz. Das Haus meiner Eltern lag quasi auf dem Weg. Als wir wieder zurück in die Kleinstadt in Baden-Württemberg kamen, sah ich die Überraschung schon durch die Terrassentür. Dass sie Sabrina hieß, erfuhr ich erst hinterher: Ein etwa 1,20 Meter hohes Plüschpferd mit stabilen Beinen, sodass zwei Kinder auf seinem Rücken sitzen und so tun konnten, als ritten sie durchs Wohnzimmer. Meine Mutter hatte es ihnen gekauft. Wer sonst. Aus Angst vor mir habe sie nur eines gekauft, auch wenn es dem Kleinen gegenüber unfair sei, sagte sie. Er hätte nämlich auch gerne eins gehabt. Nun musste er sich Sabrina, oder Sabrini, wie meine Tochter das Plüschpferd zärtlich beweint, mit seiner Schwester teilen. Sabrini wird deshalb beweint, weil sie noch immer in Schwäbisch Gmünd steht und sicherlich traurig zur Terrasse hinausschaut. Mein Mann verbot auf der Stelle, dass Sabrini mit uns nach Berlin fliegt. Ich sah heimlich trotzdem nach, ob man sie nicht als Sonder- oder Sperrgepäck mitnehmen konnte. „Gute Idee“, sagte er, als er mich am Computer erwischte. „Wir sagen, die Fluggesellschaft erlaubt es nicht.“ Meine Mutter schlug vor, uns Sabrini mit der Post zu schicken. Oder sie bei ihrem nächsten Besuch selbst mitzubringen. Todunglücklich packt unsere Tochter Sabrinis Reitpeitsche in ihren Koffer. Ich erlaubte ihr noch, den nagelneuen Striegel mit ins Handgepäck zu nehmen.

In zwei Wochen sind Schulferien, meine Mutter hat versprochen zu kommen. Meine Tochter freut sich unbändig. „Auf Nene?“, frage ich. So nennt sie ihre Oma auf Türkisch. „Auf die auch“, antwortet sie. „Du weißt, dass wir keinen Platz für ein Pferd haben“, sagt mein Mann. Sofort beginnt unsere Tochter zu weinen. „Wir könnten die gelbe Lampe in den Keller bringen und das Bobbycar verschenken“, sage ich. „Are you crazy?“, ruft mein Mann. Er hätte auch auf Deutsch fragen können, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Die Kinder erkennen an seinem Gesichtsausdruck und an seinem Ton, dass er Sabrini nicht im Haus haben will.

Meine Mutter will mit dem Zug kommen. Ich stelle mir vor, wie sie mit Reisetasche und Pferd in den ICE steigt. „Es stört sie sicher nicht, wenn Sabrini ihnen über die Schulter schaut, oder?“, würde sie ihre Mitfahrer fragen. Wenn das Pferd erst einmal da ist, ist es eben da. Ich mische mich da nicht ein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Mann es übers Herz bringt, Sabrini aus dem Fenster zu werfen. Er könnte es nicht einmal, dafür ist sie viel zu groß. Siemüsste bei uns bleiben. Nie im Leben würde mein Mann seine Schwiegermutter mit Sabrini zum Hauptbahnhof bringen und ihr helfen, das Plüschtier in Wagen 22 zu hieven, nur damit er sich durchgesetzt hat. Im Grunde seines Herzens ist er ein guter Kerl.

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Der Mann im Haushalt

Als sich meine Eltern gerade selbstständig gemacht hatten, wurde meine Mutter von ihren Freundinnen bemitleidet. Besonders von Waltraud. „Jetzt hast du deinen Mann den ganzen Tag um dich, jetzt ist er den ganzen Tag zu Hause.“ Im Keller ihres Hauses richtete sich meine Mutter eine kleine Schneiderei ein, mein Vater polsterte nebenan Möbel. Davor hatten sie über zwanzig Jahre zusammen in einer Möbelfirma gearbeitet. Er in der Polsterabteilung, sie in der Näherei. Sie fuhren morgens gemeinsam hin, stempelten ihre Karten, verschwanden in ihren Abteilungen, aßen gemeinsam zu Mittag, trennten sich wieder für ein paar Stunden, fuhren gemeinsam nach Hause, verbrachten den Abend gemeinsam und schliefen im selben Bett. Sie sahen sich genauso viel wie jetzt, aber damals bemitleidete Waltraud sie wenig.

„Wie hältst du das nur aus“, fragte sie meine Mutter. Waltraud graute es davor, dass ihr Mann in absehbarer Zeit in Pension gehen und dann auch tagsüber zu Hause sein würde. „Der läuft mir jetzt schon dauernd vor den Füßen herum.“ Meine Mutter sagte, mein Vater und sie sähen sich gar nicht so oft, das glaubte Waltraud nicht. „Hilft er dir wenigstens bei der Hausarbeit“, fragte sie. Meine Mutter nickte, doch das glaubte ihr Waltraud erst recht nicht, kein Wunder.

Meinen Vater bei der Hausarbeit zu erwischen, ist noch immer nicht leicht. Früher ließ er, sobald es an der Tür klingelte, alles aus der Hand fallen, was nach Putzgerät aussehen könnte. Inzwischen ist er gelassener geworden. Man sieht ihn durchaus mit dem Staubsauger durch die Wohnung gehen. Der Staubsauger ist laut, er ist ein technisches Gerät, und man macht sich die Hände dabei nicht schmutzig. Auch für Tragearbeiten schämt er sich nicht mehr: Mülltüten bringt er hinaus und Altpapier, auch mit dem Wäschekorb trifft man ihn an, aber nur, sofern die Wäsche darin sauber und trocken ist. Wäsche, die erst noch sortiert und gewaschen werden muss, muss warten, bis sich jemand anderer erbarmt. Um die Spülmaschine kümmert er sich. Bei meinen Besuchen werde ich jeden Morgen vom Lärm wach, den er morgens um sieben beim Aus- und Wiedereinräumen macht. Aber um die Zeit ist Waltraud selten zu Gast.

Waltrauds Mann ist nun pensioniert worden, seither besucht sie meine Eltern täglich. Sie sitzt in der Werkstatt meiner Mutter und hilft ihr, Reißverschlüsse aufzutrennen oder bügelt Säume um. Wenn meine Mutter nichts für sie zu tun hat, reicht sie meinem Vater Ziernägel, die er einen nach dem anderen um das Sitzpolster eines Stuhls hämmert. Zweimal hat sie für die beiden ein Mittagessen gekocht und hinterher Mittagschlaf auf dem Wohnzimmersofa gehalten. „Warum schläft sie nicht zu Hause?“, flüstert mein Vater. „Dort kann sie nicht schlafen. Ihr Mann ist jetzt immer da und saugt die Wohnung.“

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Durst-Pflicht in der Stadtwüste

2014-08-21 11-34-28_0038Der Gedanke, einfach so am Schreibtisch oder beim Gurkenschälen zu verdursten, bekümmerte mich früher wenig. Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens scherte sich niemand darum, ob ich genug Wasser getrunken hatte oder nicht. Ich trank, wenn ich Durst hatte, und hatte ich keinen, lies ich es bleiben. Heute wage ich es nicht mehr, das Haus zu verlassen, ohne mir am Wasserhahn ein Fläschchen Wasser abzufüllen und es mitzunehmen. Ich könnte Durst kriegen, während ich auf die U-Bahn warte. Oder beim Bäcker in der Schlange stehe. Wenn nicht ich, so könnten die Kinder etwas zu trinken haben wollen. Oder der Mann.

Meine Tochter bringt manchmal ihre Wasserflasche unberührt aus der Schule mit nach Hause. „Hast du den ganzen Tag nichts getrunken?“, frage ich. „Doch, beim Mittagessen“, antwortet sie. „Hast du keinen Durst gehabt, vormittags in der kleinen Pause, oder in der Hofpause, oder nachmittags?“ Sie antwortet mir nicht.

Bis vor einiger Zeit glaubte ich, ein Erwachsener müsse am Tag drei Liter Wasser trinken, weil er sonst dehydriere. Also trank ich und trank und trank, dass es bei jedem Schritt in meinem Bauch gluckerte. Dann las ich, dass es eineinhalb Liter auch täten. Selbst die Liter schaffte ich selten. Abends zwang ich mich, den schalen Rest in der Flasche in einem Zug leer zu trinken, weshalb ich jahrelang nachts aufstehen musste und hinterher nicht mehr einschlafen konnte.

Das Wassertrinken ohne Not und Durst habe ich aufgeben. Ich trinke wieder nach Bedarf, so wie früher. Neu ist, dass ich jetzt auch Alkohol trinke, nicht jeden, aber Rotwein. Ich kann mittlerweile guten von schlechtem Wein unterscheiden. Manchmal habe ich Lust auf ein Glas und scheue mich auch nicht mehr, eine Flasche nur für mich alleine zu öffnen. Selbst wenn meine Eltern zu Gast sind und mein Vater am zweiten Abend, an dem ich mir als einzige am Tisch etwas einschenke, meinen Mann fragt, ob das jeden Abend so gehe. Meine Mutter schenkt sich mir zuliebe einen Schluck ein und trinkt, auch wenn es ihr nicht schmeckt.

Trinke ich Alkohol in Anwesenheit meines Vaters, hält er mich für eine Alkoholikerin. Trinke ich keinen in Anwesenheit aller anderer Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin–meinen Mann ausgenommen, – mache ich mich verdächtig. Als allererstes vermutet man in meinem Fall Angst vor Allah, gefolgt von Schwangerschaft, Krankheiten, einem Kater, versteckter Trinksucht und schließlich Entzug. Nur ein Grund wird nicht in Betracht gezogen – dass mir Bier oder Schnaps eben nicht schmecken.

„Du weißt schon, dass Alkohol den Körper austrocknet“, fragt mein Vater und nimmt einen großen Schluck aus seinem Sprudelglas. „Weiß ich. Hab schon dreieinhalb Liter Wasser getrunken, extra ein bisschen mehr, wegen des Weines“, sage ich. Das war dumm. Jetzt hält er mich erst recht für eine Trinkerin.

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Gespräche aus der Unterwelt

2014-08-21 11-40-58_0037Eine Menge Stürze hat unser Telefon schon überlebt, den letzten nicht. Im Schrank habe ich tatsächlich noch mein altes Telefon gefunden. Damit habe ich nicht gerechnet, weil ich fast alles verschenkt habe, was doppelt war, nachdem mein Mann und ich zusammengezogen waren. Das Telefon braucht nur neue Batterien, schon geht es wieder. Es sieht aber so fremd aus in meiner Hand, ich habe es kaum wieder erkannt. Die gespeicherten Nummern darin auch nicht. Tastendruck für Tastendruck gehe ich die Namen durch.

Wer ist Katrin? Kannte ich einmal jemanden, der Katrin hieß? Meine ich mit Anna meine neue Anna oder die, die einmal bei mir im Haus gewohnt hat? Mit Britta habe ich mich vor Jahren zerstritten und rede seither kein Wort mehr mit ihr. In meinem alten Telefon sind all ihre Nummern gespeichert, bei der Arbeit, zu Hause, auch die ihres Freundes. Ob sie mit dem noch zusammen ist? Eine Zeitlang haben wir uns jeden Tag gesehen, aber geblieben sind nur die Nummern. Corinna wohnt schon lange nicht mehr in Berlin, und Ingo ist nach vier Jahren in Bremen für ein Jahr nach München und nun wieder zurück nach Berlin gezogen. Die Nummer meines Mannes ist nicht gespeichert. Wieso nicht? Ich werde ihn wohl sicher einmal angerufen haben, bevor ich mit ihm zusammengezogen bin und ihn geheiratet habe. Da bin ich mir sogar sicher. Denn schon da merkte ich, dass er meinem Vater ähnlich ist. Der telefoniert auch nicht gern.

Es sind noch alte Nachrichten auf dem Anrufbeantworter gespeichert. Mein Mann und ich stehen zusammen am Schreibtisch und hören sie ab. Ich hoffe, dass nichts Verfängliches darauf zu hören ist, und zum Glück ist nichts dabei. Dennoch wird mir ganz mulmig. Es ist als spräche jemand aus der Unterwelt zu uns. Ein ehemaliger Arbeitskollege, der eine Wochenendschicht tauschen möchte. Meine Mutter. Jemand von der Bank. Es ist unheimlich, um sieben Jahre zurückgeworfen zu werden und Nachrichten vom 24. März 2006 zu hören, die so frisch und doch so normal klingen, als wären sie von heute Morgen. Seit vielen Jahren hebe ich meine Terminkalender auf, sie sind mein kleiner Tagebuchersatz, weil ich denke, dass es schön sein muss, zu wissen, was man am 4. Februar, oder sagen wir, am16. Juni gemacht hat. Aber es ist überhaupt nicht schön.

Die letzte Nachricht ist von Britta, die mich fragt, ob ich eine Wasserwaage hätte. Entschuldigt hat sie sich damals nicht, ich meine nicht wegen der Wasserwaage. Uns hat ein langwieriger Streit mit Vorwürfen, ein wenig Illoyalität, viel Geschrei, Tränen, Tratsch und vielen, vielen Anschuldigungen auseinandergebracht. Jetzt werde ich anrufen und sehen, was die Wasserwaage macht. Worum es eigentlich ging, geht weder aus ihrem Anruf noch aus meinem Terminkalender von 2006 hervor.

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Zweite Sprachspur

2014-08-21 11-45-40_0038In unserer Kindergartengruppe ist seit Kurzem ein kleines Mädchen aus Kasachstan. Ihre Mutter spricht und versteht noch wenig Deutsch, darum brachte sie zum letzten Elternabend ihren älteren Sohn als Dolmetscher mit. Als man uns Elternhinterher den neuen Turnraum zeigte, schob ich mich zu ihm durch und sagte, ich hätte früher auch oft für meine Eltern gedolmetscht. Er sollte ihm nicht peinlich sein, dass seine Mutter wenig Deutsch verstand und er als einziger Teenager inmitten lauter Erwachsenen sitzen und ihr ins Ohr flüstern musste.

Es ist nicht wahr, dass ich als Kind für meine Eltern dolmetschen musste. Ich weigerte mich. Auch das ist nicht ganz richtig. Ich habe nie gesagt, ich täte es nicht, sondern immer nur stumm gehofft, dass es nie soweit kommen würde. Es kam auch nie soweit, weil meine Eltern damals schon einigermaßen Deutsch sprachen.

Später habe ich das Übersetzen studiert. Im Unterschied zum Dolmetschen übertragen Übersetzer geschriebene Texte in eine andere Sprache, der Dolmetscher überträgt Gesprochenes. Doch eine gute Übersetzerin bin ich nie geworden. Aus einem englischen Text wurde, nachdem er durch mein Hirn gegangen war, kein deutscher Text. Es kam ein mit deutschen Wörtern geschriebener englischer Text dabei heraus. Ich hatte schon längst einen anderen Beruf ergriffen, als mir langsam schwante, wie eine gute Übersetzung aussehen könnte. Dass man sich frei machen musste vom englischen Text, wenn man einen deutschen Text schreiben wollte. Dass man erst einmal deutsch denken musste, um etwas Deutsches zu produzieren.

Eigentlich hätte ich das wissen können. Ich habe ja schon immer übersetzt, wenn auch nicht für meine Eltern, öffentlich, vor anderen, aber immer nebenher im Kopf. Auf Türkisch, zum Beispiel, kann man sagen: „Wir sitzen mit meiner Mutter auf dem Sofa.“ Gemeint ist, meine Mutter und ich, wir sitzen auf dem Sofa. Der Unterschied ist – betrachtet man nur die Wörter – gering, aber wer auf Deutsch „Wir sitzen mit meiner Mutter auf dem Sofa“ sagt, verschweigt doch mindestens einen Dritten. So lief schon seit jeher beim Sprechen und Hören ein Parallelprogramm in meinem Kopf ab, eine zweite Sprachspur, die aber nie richtig, sondern immer nur schlecht übersetzt klang.

Die kasachische Mutter aus dem Kindergarten spricht Englisch, ich hörte sie im Flur mit der Erzieherin sprechen. Der Junge hat für seine Mutter gedolmetscht, damit die Gruppe nicht gezwungen war, den Elternabend auf Englisch abzuhalten. Am liebsten würde ich zu der Frau gehen und mich entschuldigen, weil ich ihren Sohn bemitleidet habe, wo es doch gar keinen Grund dazu gab. Aber dann lächle ich ihr nur zu und sage nichts. Eins muss ich mir merken: Ein dolmetschendes Kind ist nicht immer ein armes Würstchen.

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Guck mal, was ich kann

Für eine Wand im Hauseingang meiner Elternwerde ich ein Bild malen. Die Nashörner, die dort hängen habe ich vor Jahren gemalt und schon als das Bild gerahmt an die Wand kam, dachte ich, richtig gut sind sie nicht geworden. Den Rahmen hatte mein Vater in seiner Werkstatt aus dünnen Leisten geleimt, die Ecken sind nicht passgenau, man sieht einen Spalt und darin den Leim, getrocknet zu einem durchsichtigen Klumpen.

Meine Mutter sagt, sie möge das Bild, nichts anderes habe ich erwartet. Sie betrachtet mich noch immer mit dem Blick einer Mutter im Wochenbett, die ihr Baby nicht nur wunderschön findet sondern noch in Begeisterung darüber ausbricht, dass es schon das Fäustchen zum Mund führen kann. Mein Vater sagt, er sehe das Bild seit Jahren nicht mehr. Für ihn ist es mit dem Rauputz an der Wand verschmolzen. Auch das ist nicht überraschend, mein Vater sieht gut und sieht dennoch nichts. Wenn ich ihn durch die Zimmer gehen sehe, erkenne ich an seinem Gesichtsausdruck, dass er wieder irgendetwas sucht. Manchmal lasse ich ihn suchen. Er soll einmal etwas ganz alleine finden. Wie groß muss die Freude sein, wenn er die Zeitschrift, die er eben noch in der Hand hatte, ohne fremde Hilfe wiederfände. Verrate ich ihm, dass sie neben der Kaffeemaschine liegt, geht er hin, nimmt sie sich und verschwindet in seiner Werkstatt, ohne darüber zu staunen, was ich alles kann.

Ich habe das Bild im Eingang abgenommen und in den Keller gebracht. Mein Vater fragt: „Was ist denn hier passiert?“ Fehlen ihm plötzlich die Nashörner? „Welche Nashörner?“ Egal, ich hätte ihn gar nicht fragen brauchen. Ihn stört, dass die Wand plötzlich so kahl ist.

Im Baumarkt lasse ich mir eine dünne Sperrholzplatte zuschneiden. Haben die Seitenlängen ein Verhältnis von 1:3 zueinander, tut das dem Auge gut, aber als ich beim Zuschnitt endlich an der Reihe bin, kann ich so schnell nicht im Kopf ausrechnen, wie das mit dem Verhältnis 1:3 geht, wenn eine Seite 1,50 Meter werden soll. 1,20 Meter sage ich zum Mann an der Säge, und hoffe, dass es schon hinkommen wird.

Wenn man selbst nur knapp 1,60 groß ist, lässt sich ein knapp zwei Quadratmeter großes Brett schlecht vor der Brust tragen. Ich lege es wie ein Segel auf den Kopf und sage mir, dass meine Urgroßmutter sicherlich so den Wassereimer von der Quelle nach Hause getragen hat, als mich der Wind fast vom Boden hebt. Schließlich stelle ich es auf meinen Schuh, halte es links und rechts fest und humple Schritt für Schritt über den Parkplatz.

Als mein Vater nach Hause kommt, ist die Sperrholzplatte weiß grundiert und lehnt zum Trocknen an der Wand. „Ist das neu?“, fragt er. „Ja. Gefällt’s dir?“ Er stutzt nicht einmal. „Ist nicht schlecht geworden“, sagt er. Ich habe ihn falsch eingeschätzt. Im Grunde seines Herzens findet er toll, was ich alles kann.

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Plötzlich Lust auf Weihachten

Wir saßen um den Küchentisch meiner Freundin herum und aßen bei karger Beleuchtung die Kuchenreste des letzten Kindergeburtstags. Die beiden Lampen über dem Tisch hatten den Geist aufgegeben, selbst dem Heimwerker ihres Vertrauens war es nicht gelungen, sie zu reparieren, also zündeten wir Kerzen an. Die warfen ihr warmes Licht auf die weinroten Polster der Sitzbank, es roch nach Kaffee und Mandarinenschalen, und mit einem Mal war mir furchtbar nach Weihnachten. Nach einem Baum und Plätzchen, nach roten Kerzen und Strohsternen. Wo doch noch nirgends Weihnachten ist, nur in der Werbung und am Eingang des Supermarktes, links, beim Gemüse.

Statt in Unruhe und Aufregung zu verfallen wie sonst, wenn mir ein besonders guter Einfall kommt, habe ich mich sofort geschämt. Wie komme gerade ich dazu, mich nach Weihnachten zu sehnen? Meine Familie hatte es doch generationenlang nicht mit Jesus und den Heiligen Drei Königen und feierte deshalb nur halbherzig. Und wir, als neue Kleinfamilie, feiern ebenfalls kein Weihnachten, was die Großeltern väterlicherseits allerdings wenig kümmert. Sie schenken so viel, dass es nicht auffällt, dass Mutter und Vater und der mütterlicherseits aus Anatolien stammende Teil der Familie nichts gekauft haben.

Bei uns gibt es lediglich einen selbst gebastelten Baum aus Karton. Ich glaube, unser erstes Gitterbettchen war in dieser Pappe verpackt. Diesen Baum stellen wir Jahr für Jahr auf, selbst die Kerzen und die Kugeln sind aus Karton. Sind die Feiertage herum, schieben wir den Baum flach zusammengefaltet in die Lücke zwischen Kinderzimmerwand und Schrank.

Ich horche in mich hinein und versuche zu ergründen, woher plötzlich meine Weihnachtsnostalgie kommt. Ich horche und höre nichts, aber ich spüre etwas. Das lässt sich so in Worte fassen: Ich will halt. Als toleranter Mensch sollte man sich erlauben, Lust auf Dinge zu haben, auf die man Lust hat. Selbst wenn es sich um Weihnachtsbäume handelt. Man erlaubt sich doch auch sonst allerhand. Tütenweise Chips mit Chiligeschmack. Hohe Schuhe, in denen man nicht gehen kann. Eine Gitarre, auf der man nicht spielt, und ein Computerspiel, das man sehr oft spielt. Bücher, die sich neben dem Bett stapeln und immer wieder und nie weiter als bis Seite 46 gelesen werden.

Meine Freundin sagt:„ Mein Gott, deine Sorgen hätte ich gerne.“ Besorgt frage ich, was denn ihre Sorgen seien, und beschimpfe mich stumm für meine Oberflächlichkeit. Sie denkt nach, dann sagt sie, sie habe gerade keine Sorgen. Aber sicherlich würden ihr welche einfallen, sobald ich aus der Tür sei. Als ich in der Tür stehe, frage ich sie, ob ihr nun etwas eingefallen ist. „Ja“, antwortet sie. „Du warst meine einzige Freundin, für die ich nie ein Weihnachtsgeschenk besorgen musste. Und jetzt das.“

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Die Gefahr der Bananenschale

2014-09-19 13-00-26_0055Auf einer Bananenschale auszurutschen und sich dabei das Genick zu brechen, war die Gefahr meiner Kindheit. In der Schule, im Hort, in Kinderbüchern, immerzu wurden wir ermahnt, keine Bananenschalen auf die Straße zu werfen. Je älter wir wurden, desto seltener tauchte die gefährliche Bananenschale auf. Was niemanden verwunderte, denn abgesehen von Comicfiguren habe ich nie jemanden auf einer Bananenschale ausrutschen sehen.

Dann fing man an, uns vor dem Erfrierungstod zu warnen. Wer sich betrinkt, der friert draußen in der Kälte nicht, aber er wird müde, legt sich in den Schnee und merkt nicht, wie er erfriert. Also mahnte man uns, nicht zu viel zu trinken, und wenn doch, uns hinterher nicht in den Schnee zu legen und einzuschlafen. Dabei könnte das eigentlich ein angenehmes Sterben sein. Besser jedenfalls, als mit dem Kopf auf dem Gehweg aufzuschlagen.

Nachdem die Bananenschale vergessen war und mich niemand mehr vor dem alkoholisierten Erfrierungstod warnte, war der sichere Heimweg dran. Wenn ich mit 16 abends allein nach Hause kam, sagte mir meine Mutter vorher, mit welchem Bus ich fahren sollte (23.12 Uhr), auf welchen Platz ich mich im Bus setzen sollte (vorne beim Fahrer), welchen Weg ich von der Haltestelle aus nehmen sollte (den beleuchteten), und dass mich mein Freund Peter doch bitte bis nach Hause begleiten solle. Das tat er zum Glück selten, denn er hatte im Dunklen mehr Angst als ich. Das erzählte ich meiner Mutter nicht.

Wenn wir die von Hecken gesäumte Abkürzung hinter der Kirche nahmen, drehte Peter sich alle drei Schritte um, weil er etwas zu hören glaubte. Das war schlimmer als die Dunkelheit. Fürchten musste man sich auf diesem Weg ansonsten nicht, es lagen dort weder Bananenschalen noch Tote, nicht einmal im Winter. Die Toten lagen hinter den Hecken auf dem Friedhof. Selbst meine Mutter, die mich sonst vor allem warnte, sagte, ich müsse vor den Toten keine Angst haben, denn sie seien ja tot. „Fürchten musst du dich vor den Lebenden“, sagte sie. Abends, auf dem Heimweg, war Peter der einzige Lebende in meiner Nähe. Ich fürchtete mich nicht vor ihm, aber er machte mich nervös, weil er sich doch ständig umdrehte. Außerdem hatte er Angst, allein den Weg bis zum Haus seiner Eltern weiterzugehen. Oft begleitete ich ihn.

Dann machte ich den Führerschein, und zumindest dieses Problem löste sich. Aber neue kamen hinzu. Meine Mutter nannte mir, sobald ich den Autoschlüssel vom Haken nahm, die sicheren Parkplätze in der Innenstadt, warnte mich vor Alkohol am Steuer und erklärte mir, dass sie sich auf den acht Schritten zwischen Garage und Haustür sicherer fühle, wenn sie die einzelnen Schlüssel zwischen die Finger schiebe und die Hand dann zur Faust balle. „Nein“, sagte ich. „Davor habe ich Angst.“

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Von Schuhen und Liebe

Mein Nachbar trägt teure, rahmengenähte Schuhe. Die hat er sich in Wien gekauft. Ich wusste, dass rahmengenähte Schuhe teuer sind, nicht aber, was rahmengenäht bedeutet. Nun weiß ich, dass die Sohle eines solchen Schuhes austauschbar ist. Das Oberteil und die Innensohle werden mit einem Lederband, das um den Schuh läuft, zusammengenäht. Dieses Band – der Rahmen – wird dann mit einer weiteren Naht an die Sohle genäht. Mein Nachbar sagt, seine Schuhe seien zwar teuer, sein letztes Paar aber habe neun Jahre gehalten. „Das kann man von deinen bestimmt nicht sagen“, sagt er.

Ich versuche, mich zu erinnern, wie lange ich meine sicher nicht rahmengenähten Stiefel eigentlich schon habe. Es sind drei – nein, sogar vier Jahre. Anfangs habe ich sie allerdings nicht so oft getragen, weil sie ja neu waren. Mich überrascht es, dass sie schon so alt sind. Für mich sind diese Stiefel immer noch die neuen. Es gab hinterher kein weiteres Paar, so sind sie die guten Stiefel geblieben.

Ich habe viele gute Kleidungsstücke, sie sind weder teuer noch besonders, aber ich habe sie mir eine ganze Weile lang aufgespart als „den guten Rock“ oder die „gute Strickjacke“ und sie nie benutzt. So wie Erwin und Irene, unsere Nachbarn aus meiner Kindheit, nie in ihrer guten Stube gesessen haben. Die war ein muffiger, dunkler Raum mit dunklen Möbeln und einem Kachelofen, in dem nie Feuer gemacht wurde. Ich konnte mir nie erklären, was an der guten Stube eigentlich gut sein sollte.

Rahmengenähte Schuhe werden immer bequemer und schöner, je länger man sie trägt, sagt der Nachbar. Er teilt den Preis seiner Schuhe durch neun und rechnet aus, dass sein Paar – so gesehen – günstiger ist als meine „guten Stiefel“.

Dass Dinge mit der Zeit schöner werden, sagt man auch über Lederjacken und über die Liebe. Die Lederjacken, die in der Änderungsschneiderei meiner Mutter hängen, glänzen so speckig, dass man sie nicht anfassen möchte. Ihre Besitzer wollen aber lieber den kaputten Reißverschluss oder das zerrissene Innenfutter austauschen lassen, statt sich eine neue zu kaufen.

Bei der Liebe habe ich den Verdacht, dass es ihr nicht wie dem rahmengenähten Schuh ergeht, sondern wie der speckigen Lederjacke. Alle sagen, die Verliebtheit verfliege, das Begehren erlösche, doch dafür wüchsen Vertrautheit und Nähe, was ja allgemein als erstrebenswerter gilt als bloße Verliebtheit. Oft bedenkt man aber nicht, dass Verliebtheit verdammt lange braucht, um zu Liebe heranzureifen, wenn sie es überhaupt einmal tut und nicht inzwischen sauer wird wie der Rest Milch im Kühlschrank. Ich fürchte, dass mein Nachbar ein, wenn nicht gar zwei Paar rahmengenähte Schuhe zerschleißt, bis einmal aus Verliebtheit anständige Liebe geworden ist. Man sollte doch bei

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Träumerische Buchhaltung

Meine Freundin führt seit Jahren, nein: seit Jahrzehnten ein Traumtagebuch. Neben ihrem Bett liegen stets ein Notizbuch, Filzstifte, Buntstifte, Bleistifte, Schere und Kleber. Manchmal schreibt sie auf, was sie in der Nacht gesehen hat, manchmal zeichnet sie ganze Szenen aus ihrem Traum, manchmal nur ein Bild, an das sie sich beim Aufwachen erinnern kann. Wenn sie sich an einzelne Begebenheiten nicht erinnern kann, beschreibt sie das Gefühl, mit dem sie aufgewacht ist. In dem Traumtagebuch gelesen habe ich nie, sie hat mir nur einmal aus großem Abstand eine Papiercollage gezeigt. Sie sah sehr schön aus, aber was sie genau darstellen sollte, habe ich nicht erkannt.

Viele Leute können sich später nicht an ihre Träume erinnern. Auch ich weiß am Tag nicht mehr, was mir in der vergangenen Nacht im Kopf herumgespukt ist. Aber sobald ich mich hinlege, fällt es mir wieder ein. Ich muss dazu noch gar nicht richtig liegen. Meine Erinnerung kommt schon im Hinabsinken zurück, noch bevor mein Kopf auf dem Kissen liegt. Dann weiß ich wieder, worum es in meinem Traum ging und wer darin vorkam. Die Bilder kommen zurück, Handlungen, manchmal ein ganzer Traum.

An manchen Tagen wache ich morgens auf und frage mich, ob ich das, was ich glaube, geträumt zu haben, tatsächlich in der vergangenen Nacht geträumt habe oder schon viel früher. Oder ob es nicht einfach nur ein alter Traum war, der immer wiederkommt.

Zwei, drei Tage habe ich es geschafft, mir am Morgen rasch Notizen zu machen. Dann war tagelang keine Zeit, und mein Traumtagebuch blieb unbeachtet liegen. Als es mir wieder einfiel, waren zwei Wochen vergangen. Beim Lesen gelang es mir, den Traum und das Gefühl, das er hinterlassen hatte, wieder heraufzubeschwören. Aber das Gefühl von Vertrautheit ließ schnell nach, und nach drei Wochen lasen sich meine Notizen, als wären sie nicht von mir. Wer war diese Britta, über die ich geschrieben hatte, als würde ich eine Britta kennen? Meine Traumnotizen sind unbrauchbar.

Meine Freundin hat schon 53 Traumbücher vollgeschrieben und vollgezeichnet, dicke und dünne. Ganz hinten in ihrem Kleiderschrank, unter den Skihosen und den Anoraks, füllen sie ein ganzes Regalbrett. Ich frage meine Freundin, ob sie sich später beim Lesen auch frage, wessen Träume das seien. Sie lese doch hinterher nicht noch mal, was sie sich aufgeschrieben habe, antwortet sie. „Wozu auch?“ Ich zucke mit den Schultern. Ich hatte gedacht, nur aus dem Grund mache man sich überhaupt die Mühe. Aber vielleicht hat sie anderes damit vor? Sie könne die Bücher ihren Kindern vermachen, wenn sie alt sei, schlage ich vor.„ Auf keinen Fall“, erklärt sie, „die Bücher werfe ich rechtzeitig weg.“ Woher sie wissen wolle, wann rechtzeitig ist, frage ich. Sie sagt: „Das träume ich doch vorher.“

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Was Kinder anziehen

Meine Tochter hat ein Paar glitzernde Riemchenpumps in rosa bekommen. Ich wusste vorher gar nicht, dass es Absatzschuhe in Größe 30 überhaupt gibt. Jetzt weiß ich, dass es sie sogar schon in Größe 27 gibt. Die hat sich mein Sohn ausgesucht. Schon im Laden wollte er sie nicht mehr ausziehen. Ich habe beiden Kindern je ein Paar gekauft und ihnen erlaubt, die neuen Schuhe auf dem Heimweg anzulassen. Ihre eigentlichen Herbstschuhe mit weicher, atmungsaktiver Sohle und schmutzabweisendem Obermaterial, mit Fußbett innen und Reflektoren außen trug ich in einer Tüte aus dem Glitzerschuhladen nach Hause.

Andere Kinder ziehen das an, was ihnen die Eltern herauslegen. Die Mädchen schmale Jeans, dunkelblaue Blüschen mit weißen Pünktchen, gestrickte Pulloverchen in grau, Lederschühchen aus Italien, ein Mäntelchen, dazu passend Mütze und Schal. Die Jungs das Entsprechende für den kleinen Lord. Ich sage zwar, es sei abscheulich, wenn kleine Kinder herumlaufen wie Erwachsene, aber ich schiele auf das hübsch zurechtgemachte Kind mit den Zöpfen an der Straßenecke. Wieso liebt meine Tochter Omas lila Glitzerschal, der zu nichts passt und viel zu lang ist? Wieso lässt sie sich ihr Haar nicht kämmen? Wieso mag sie keine Zöpfe? Wieso?

Meine Kinder tragen, was sie wollen. Ich habe mich ergeben. Das Einzige, worauf ich bestehen muss, ist, dass ihre Kleidung bei Kälte warm hält. Daran halten sie sich und ziehen unter ihre Fantasiekleider lange Unterhemden und Strumpfhosen. Mein Sohn trägt alles, was seiner großen Schwester gehört oder früher einmal gehört hat. Pullover und Hosen, die ich für ihn kaufe, interessieren ihn nicht. Seine Sachen dürfen nicht neu sein. Oder nicht blau. Oder nicht grau. Außer, seine Schwester hat sie zuvor getragen und damit veredelt. Falls an Ihnen ein kleiner Junge mit silberner Krone, Anorak und Glitzerpumps auf einem Laufrad vorbeifährt, es könnte meiner sein.

Vor ein paar Tagen blieb eine Frau stehen, zeigte auf die Prinzessin auf dem Laufrad und fragte mich, ob das mein Sohn sei. Erst dachte ich, sie halte mich für verantwortungslos: das Kind ohne Helm, weil Helm und Krone nicht gehen, und in Pumps, die gewiss die kleinen Zehen deformieren. Doch die Frau beschimpfte mich nicht, sie beglückwünschte mich, dass ich meinen Sohn die Glitzerpumps erlaube. Wo ich die gekauft hätte? Ein paar Schritte weiter, an der Ampel, sagte ein Mann, sein Sohn würde was drum geben, bekäme er solche Pumps. Ein anderer tröstete mich, das gehe Gott sei Dank vorbei, sobald der Junge in die Schule komme. „Was meinen Sie mit: Gott sei Dank?“, fragte der erste Mann zurück. Dann wurde es grün. Eine Frau kam uns entgegen und sagte: „So ein süßes Mädchen!“ An ihrer Hand ging ein kleiner Grüffelo mit blonden Locken bis zum Ellbogen.

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Vergebliche Warnungen

Pass auf. Sei vorsichtig. Langsam. Nicht so schnell. Pass auf, du tust dir weh. Vorsicht. Nein. Halt dich fest. So ist gut. Langsam. Nicht so dolle. Wie oft am Tag hört ein Kind diese Worte? Hört es sie überhaupt? Spiel nicht mit der Steckdose, spiel nicht mit dem Messer, iss langsam, jetzt mach die Augen zu, es ist schon spät.

Jahre später wird daraus „Komm nicht so spät“ und „Fahr vorsichtig.“ Ist schon irgendjemand vorsichtig gefahren, weil ihn die Mutter darum gebeten hat? Wann ist ein Kind nicht von der Schaukel gesprungen, weil die Mutter es warnte? Man könnte es sich ersparen, unentwegt zu warnen und zu informieren. Und man erspart es sich doch nicht. Es beruhigt uns selbst.

In Marokko war ich einmal in der Nähe von Marrakesch wandern oder besser gesagt, spazieren. Wir kamen von einer Konferenz und hatten uns spontan entschlossen, ein wenig zu Fuß zu gehen. Wir mussten über Felsen klettern, an manchen Stellen ging es steil hinab. „Geht langsam“, sagte der junge Mann, der uns den Weg entlangführte. Ein Stück war so schmal, dass wir nur einer nach dem anderen gehen konnten.

Der Mann reichte jedem Einzelnen die Hand, um uns Halt zu geben. Die meisten von uns hatten Schuhe mit glatten Sohlen an, keiner von uns trug Schuhe mit Profil. Immerhin hatte keine der Frauen Schuhe mit hohem Absatz an. „Letzte Woche war ich mit einer Gruppe Franzosen hier“, erzählte der junge Mann beiläufig, als er mir die Hand reichte. „Einer von ihnen hatte auch so glatte Schuhe an.“ Ich ging an ihm vorbei, um Platz für die Nachfolgenden zu machen. „Der ist hier abgestürzt“, sagte er und deutete mit dem Kopf den Abhang hinunter. „Im Krankenhaus ist er dann gestorben.“

Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte, unser Begleiter sprach Französisch. „Dabei habe ich ihm gesagt, er müsse aufpassen.“ Er zuckte mit den Schultern, und streckte die Hand dem nächsten aus unserer Gruppe entgegen. Einige wollten daraufhin umkehren. „Wieso?“, fragte der Mann. „Jetzt wisst ihr doch, wo ihr aufpassen müsst.“ Die Gruppe ging zurück zu den Autos.

Ich habe versucht, es so zu machen wie unser Begleiter aus Marrakesch: Die Konsequenzen leichtsinnigen Handelns in ihrer ganzen Breite darstellen. Als ich eines der Kinder mit heruntergelassenen Hosen und Zahnbürste im Mund durch die Wohnung rennen sah, erklärte ich ihm, wie die Bürste im Falle eines Sturzes seinen Nacken perforieren und somit das Genick brechen würde. „Dann bist du tot.“ Bisher hat das wenig Eindruck gemacht. Das nächste Mal werde ich sagen: „Dann muss der Notarzt kommen und du stirbst im Krankenhaus oder auf dem Weg dahin.“ Vielleicht werde ich zum Beweis Bilder zeigen müssen. Wie sie bald die Raucher auf Zigarettenschachteln sehen.

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Ausländer sind die anderen

In der Klasse meiner Tochter ist ein türkisches Kind. Der Junge ist hier geboren, aber die Eltern sind aus der Türkei. Ich stand im Flur neben der Mutter des Kindes, wir kramten gemeinsam die Hausschuhe unserer Kinder aus der Hausschuhkiste, und sie sagte zu ihrem Sohn, er solle nicht mit den Socken über den nassen Boden gehen. An meinem Lächeln merkte sie, dass ich wohl verstanden haben musste, was sie eben gesagt hatte. „Entschuldigen Sie, ich habe mir schon gedacht, dass sie Türkin sind, aber ganz sicher war ich mir nicht“, sagte sie.

Da sie sich nun entschuldigt hatte, dass sie mich nicht sofort als Türkin erkannt hatte, entschuldigte ich mich auch: weil ich zwar gewusst hatte, dass sie Türkin war, mich aber nicht sofort zu erkennen gegeben hatte. Aber ich kann nicht anders. Einfach hinzugehen und zu sagen: „Hallo, ich bin auch Türkin“, finde ich immer ein bisschen dämlich. Ich warte lieber, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt.

Das kann manchmal eine ganze Weile dauern. Manchmal lasse ich günstige Gelegenheiten auch vorbeiziehen, weil mein Kind gerade aufs Klo muss oder ihre Freundin an mir zieht und fragt, ob sie bei uns übernachten darf. Oder einfach deshalb, weil ich mich nicht traue. Sich-nicht-Trauen ist ein Zug an mir, den ich schon lange pflege und an den ich mich so gewöhnt habe, dass ich mir ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen kann.

Diesmal hatte ich mich aber getraut, und die Frau fragte mich, wie meine Tochter denn heißt. „Isabella“, sagte ich. Das ist zwar kein türkischer Name, aber ein Name, der auch für meine Eltern, meine beiden Großmütter und diejenigen Verwandten in der Türkei, mit denen wir ab und zu skypen, gut auszusprechen ist. In einer brasilianischen Telenovela, die meine Tante gerne sah, hatte eine Schauspielerin so ähnlich geheißen wie jetzt meine Tochter, darum kann auch die Tante sich den Namen gut merken.

„Aaah“, machte die Frau. „Sind Sie mit einem Ausländer verheiratet?“ So kann man das auch sehen, dachte ich, kommt auf den Standpunkt an, und antwortete erst einmal: „Ja.“ Sie fragte jetzt nicht weiter, ob das Kind wenigstens als Zweitnamen einen türkischen Namen hatte. Das machte sie mir sofort sympathisch. Trotzdem: Die Frage nach dem ausländischen Mann ging mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Für meine Familie ist mein Mann eben mein Mann. Da käme keiner auf die Idee, ihn als Ausländer zu bezeichnen. Auch sich selbst würde keiner als Ausländer bezeichnen. Ausländer sind immer die anderen, so geht die Logik.

Ich erzählte meiner Freundin von dem Gespräch im Schulflur. „Die Frau hat wahrscheinlich gedacht, dein Mann ist Spanier“, sagte sie. Sie hat sicher recht. Hat aber auch die Mutter des Jungen recht? Und wäre mein Mann ein Spanier: Wäre er dann ein Ausländer?

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Kultur im Konjunktiv

Eine meiner ältesten Freundinnen ist nach Istanbul gezogen. Wir kennen uns eigentlich noch gar nicht so lange, ich habe Freundinnen, die kenne ich schon viel länger. Sie und ich haben uns erst an der Universität kennengelernt. Aber auch das ist bald zwanzig Jahre her. Erschreckend ist das. Wenn früher in der Schule die Lehrer sagten, an deinem Platz hat vor zwanzig Jahren der Soundso gesessen, und der ist heute Bankdirektor, dann hätte das auch gut im Mittelalter gewesen sein können.

Ich habe niemanden in Istanbul, zu dem ich ziehen könnte. Leider Gottes ist niemand von meinen Verwandten an irgendeinen interessanten Ort gezogen. Entweder sind sie da geblieben, von wo meine Eltern schon vor 40 Jahren abgehauen sind, oder sie sind an noch erbärmlichere Orte gezogen, weil sie nur dort einen Studienplatz, einen Posten beim Militär oder eine Anstellung als Mathelehrerin gefunden haben. Am weitesten weg von daheim sind meine Eltern. Man kann jedoch nicht behaupten, dass ihr neues Zuhause in Konkurrenz zu ihrem ehemaligen Zuhause stünde. Auch hier gibt es Traktoren, sie rattern regelmäßig an der Tür vorbei, um auf den Feldern hinter dem Haus warmen Mist auszustreuen.

Seit meine Freundin in Istanbul wohnt, fragt meine Mutter, wie lange wir eigentlich noch in Berlin bleiben wollen. Ich hätte ihr nichts von meiner Freundin erzählen sollen. „Wie lange soll das so weitergehen?“, fragt sie. „Ihr dort, wir hier, zwischen uns 800 Kilometer?“ Es sind nur knapp 600 Kilometer. Aber weit weg ist weit weg, da kommt es auf 200 Kilometer Differenz nicht an. „Wäre es nicht schön, wir würden nah beieinander wohnen?“

Ich bin gern bei meinen Eltern, und wenn es wieder einmal besonders schön bei ihnen ist, sage ich manchmal zu meinem Mann:„Vielleicht sollten wir doch in ihre Nähe ziehen. Was meinst du?“ Dabei kenne ich seine Antwort schon: „Ich ziehe nicht weg aus Berlin. “Das sagt er, seit ich ihn kenne. Er will nicht fort aus Berlin, weil man hier so viel unternehmen könne. Schon allein wegen der Kultur, sagt er.

Kultur! Als ob wir ins Theater gingen, ins Kino, in Ausstellungen. Alle vierzehn Tage kaufen wir ein Veranstaltungsmagazin, manchmal mache ich mit Filzstift Kreise um Lesungen oder Konzerte, aber dann müsste man sich um einen Babysitter kümmern oder wenigstens wach bleiben bis 21 Uhr. Im Dorf meiner Großmutter in der Türkei könnten wir im Werkzeugschuppen wohnen, gleich neben der Feuerstelle, wo sie morgens Maisfladen backt, es würde keinen großen Unterschied machen. Kulturell würde es uns an nichts fehlen. „Aber wir könnten doch, wenn wir wollten“, sagt mein Mann. Das ist wahr. Wir könnten ausgehen, wenn wir wollten. Die Möglichkeit kann uns keiner nehmen. Also bleiben wir.

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Gierig nach Büchern

Als ich noch zur Schule ging, verbrachte ich eine Menge Zeit in der Stadtbücherei. Wenn meine Eltern von der Arbeit zurückkamen, vermissten sie mich nicht, wenn sie den Zettel mit der Aufschrift „Bin in der Bücherei“ am Garderobenspiegel fanden. Das Lesen war heilig bei uns zu Hause, sofern man überhaupt von heilig sprechen kann. Meine Eltern dachten nicht in diesen Kategorien. Wenn ich in der Bücherei war, war alles in Ordnung. Ich durfte so lange bleiben, wie ich wollte, lesen, was ich wollte, ausleihen, was ich wollte, nur leider nie so viel, wie ich gerne hätte. Vier Bücher waren erlaubt für eine Ausleihzeit von vier Wochen, die Bücherei bestimmte das so.

Vier Bücher waren für mein Lesetempo völlig ausreichend, dennoch war ich jedes Mal frustriert, wenn ich mit ihnen im Beutel die Holztreppe hinunterging. Es war immer dasselbe: Ich kam durch die Glastür, hängte meine Jacke an einem der Ständer in der Eingangshalle auf, ging an der Ausleihe vorbei und stand mittendrin. Überwältigt von der Menge, aufgeregt und gleichzeitig gehetzt ging ich in die Ecke, in der die Jugendbücher standen, zog mir einen Roman heraus und fing gleich an zu lesen. Vielleicht würde ich wenigstens schon eines zu Ende bringen, dann blieben mir immer noch vier weitere, die ich mit nach Hause nehmen könnte. Sonst würde ich nie, nie im Leben all das lesen können, was dort stand.

Meine Elternwaren keine großen Leser und die paar Bücher, die sie hatten, passten leicht auf das Brett im Wohnzimmerschrank. Es blieb noch genug Platz für eine Vase mit Stoffblumen und die Zigarettenkiste für die Gäste. Aber sie ließen mir meine Bücher. Wenn ich las, wurde ich nicht gestört. Ein Glück, dass ich mich für Geschichten interessierte und nicht für fürs Fernsehen oder seltene Zierfische. Niemand war der Meinung, das Lesen dumm mache. Schlechte Augen, das ja, aber wenn ich die Lampe an meinem Bett dazu einschaltet, war meine Mutter zufrieden und zog die Tür zu meinem Zimmer wieder zu. Lesen machte keinen Dreck und dank der Bücherei kostete es auch nichts.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich mir keine Mühe geben musste. Ich würde unmöglich alle Bücher lesen können, wahrscheinlich säße ich noch immer mit einem Roman von Christine Nöstlinger unter meiner Biene Maja-Decke, all die Bücher aus der Erwachsenenabteilung noch vor mir. Die Freude am Buch ist geblieben, der Frust verschwunden, aber mit ihm leider auch die Trunkenheit beim Anblick von Bücherwänden. Sie überkam mich nun wieder einmal, mit der gleichen Wucht. Ich habe mich gefreut über das vertraute Gefühl, und gedacht, da ist sie wieder, diese Leidenschaft und habe noch ein Buch und noch ein Buch und noch ein Buch gekauft. Als ich mein Gepäck auf den Fahrradkorb hievte, kam mir der Gedanke, dass ist keine Leidenschaft, das ist bloß Gier.

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Gegen Duft hilft gar nichts

Im Radio habe ich gehört, dass die Behaglichkeit am Arbeitsplatz auch von der Luftgeschwindigkeit im Raum abhängt. Sie solle nicht über 0,15 Meter pro Sekunde liegen. Schnellere Luft empfinde man als unangenehme Zugluft.

Ich habe keine Möglichkeit, die Luftgeschwindigkeit an meinem Arbeitsplatz zu messen. Wenn es zieht, schließe ich die Wohnzimmertür. Das tue ich aber auch, wenn es laut ist, weil die Waschmaschine schleudert, oder wenn es riecht. Der Geruch muss gar nicht unangenehm sein. Es gibt Tage, da riecht es schon am Morgen so gut aus der Küche, dass ich nur ans Essen denken kann, wenn die Tür offensteht.

Neulich duftete es den halben Tag lang nach unserem bevorstehenden Abendessen, einem Auflauf aus Süßkartoffeln und Sahne. Mein Mann wollte das Essen machen, kommt aber abends erst um sieben nach Hause, und da die Kinder um acht schlafen, wäre ihm wenig Zeit für die Vorbereitung geblieben. Daher bereitete er den Auflauf schon am Morgen zu, bevor er den Kleinen in die Kita brachte.

Die kleingehackten Salbeiblätter verbreiteten zuerst ihren Duft, dann der Rosmarin, und dann überdeckte der Knoblauch alles. Als mein Mann ins Büro musste, bedeckte er die Form mit Alufolie und stellte sie in den Backofen. Am Abend würden wir den Ofen anmachen, die Sahne zu den Kartoffeln geben und fertig.

Der Duft blieb nicht in der Küche, er kroch unter den Türen hindurch bis an meinen Schreibtisch. Die Folie half nichts, auch die Backofentür hielt nichts zurück. Ich musste die Form auf den Balkon stellen. Damit sich der Duft unseres halbfertigen Abendessens nicht im gesamten Innenhof ausbreitete, legte ich noch das größte Schneidebrett obendrauf, das wir zu Hause haben. Dennoch musste ich am Schreibtisch die ganze Zeit ans Essen denken. Jede halbe Stunde machte ich mir ein Brot, aber im Vergleich zu dem, was uns am Abend erwartete, schmeckte alles fad.

Ich suchte im Internet, ob man außer der Luftgeschwindigkeit vielleicht auch den Geruch am Arbeitsplatz messen kann. Ich fand alles Mögliche: Dass der Schallpegel nicht höher als 45 Dezibel sein darf, wenn man sich richtig konzentrieren will. Dass der Computerbildschirm so aufgestellt werden muss, dass das Tageslicht weder blendet noch vom Monitor reflektiert wird. Dass ältere Menschen mehr Licht als jüngere brauchen. Dass man 20 Prozent der Arbeitszeit stehen soll und nicht sitzen. Dass der Raum nicht wärmer als 22 Grad sein, die Luftfeuchte ungefähr 50, aber keinesfalls mehr als 60 Prozent betragen soll. An Gymnastik hatte man gedacht und an höhenverstellbare Tische, an Pausen für die Augen, an Pausen fürs Pinkeln. Ans Wassertrinken. An bequeme Kleidung, die beim Sitzen nicht kneifen sollte. An alles. Nur nicht an mein Problem.

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