Mein deutscher Pass

2014-06-01 16-58-46_0020Seit ungefähr zwanzig Jahren habe ich einen deutschen Pass. Dafür musste ich den türkischen aufgeben, das heißt, aus der türkischen Staatsbürgerschaft austreten. Das habe ich gemacht. Es hat mich nicht besonders gekümmert, denn das, wofür ich einen Pass brauchte, konnte ich mit dem türkischen schlecht: reisen. Als meine Klasse nach Südfrankreich fuhr, war ich die Einzige, die ein Visum beantragen musste. Die Route führte ein Stück durch die Schweiz, und kurz vor der Grenze fiel uns auf, dass der Bus mit mir nicht einfach durch die Schweiz fahren konnte. Also machte der Fahrer mitsamt den jammernden Mitschülern einen Umweg, aber niemand wollte riskieren, dass ich aussteigen und alleine nach Hause fahren musste.

Inzwischen muss man sich nur noch bedingt für die eine oder andere Staatsbürgerschaft entscheiden. Die Optionspflicht, die seit dem Jahr 2000 gilt, betraf mich aber schon nicht mehr. Kinder, die in Deutschland geboren werden und deren Eltern keinen deutschen Pass haben, bekommen mit der Geburt sowohl die deutsche als auch die Staatsbürgerschaft ihrer Eltern. Vorausgesetzt, ihre Eltern leben seit acht Jahren in Deutschland. Mit spätestens 23 Jahren allerdings müssen sie sich für eine der beiden Staatsangehörigkeiten entscheiden. 98 Prozent der jungen Leute haben sich im vergangenen Jahr für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden. Das sind die Zahlen des Innenministeriums.

Nun gibt es einen neuen Gesetzesentwurf zur doppelten Staatsbürgerschaft. In Zukunft sollen sich junge Deutschtürken nicht mehr zwischen der einen oder anderen Staatsangehörigkeit entscheiden müssen. Das klingt gut, Bedingungen gibt es aber weiterhin. Man muss mindestens acht Jahre in Deutschland gelebt haben. Wer nicht auf acht Jahre Aufenthalt kommt, muss sechs Jahre hier zur Schule gegangen sein, einen deutschen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung haben. Wer auch das nicht vorweisen kann, darf seinen deutschen Pass nach dem 23. Geburtstag nicht behalten.

Die Regeln sind klar und eindeutig. Man weiß, was man zu tun hat und womit man rechnen muss, wenn man sich nicht daran hält. Trotzdem, ein Gefühl von Sicherheit vermitteln diese Regeln nicht. Man weiß ja nie, wie das Leben sich entwickelt, und wenn es dumm läuft, verliert man die deutsche Staatsbürgerschaft womöglich wieder.

Ich habe mein halbes Leben lang einen deutschen Pass. Manchmal aber überkommt mich die Angst, so irrational sie auch sein mag, man könnte ihn mir wieder abnehmen, weil ich ja nicht „echt Deutsch“ bin. Es ist die Furcht, dass ich im Grunde mit meinem Namen und meiner Herkunft, aber ohne meinen Pass, immer Türkin bleiben werde – sosehr ich auch dagegen anschreibe.

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