Kultur im Konjunktiv

Eine meiner ältesten Freundinnen ist nach Istanbul gezogen. Wir kennen uns eigentlich noch gar nicht so lange, ich habe Freundinnen, die kenne ich schon viel länger. Sie und ich haben uns erst an der Universität kennengelernt. Aber auch das ist bald zwanzig Jahre her. Erschreckend ist das. Wenn früher in der Schule die Lehrer sagten, an deinem Platz hat vor zwanzig Jahren der Soundso gesessen, und der ist heute Bankdirektor, dann hätte das auch gut im Mittelalter gewesen sein können.

Ich habe niemanden in Istanbul, zu dem ich ziehen könnte. Leider Gottes ist niemand von meinen Verwandten an irgendeinen interessanten Ort gezogen. Entweder sind sie da geblieben, von wo meine Eltern schon vor 40 Jahren abgehauen sind, oder sie sind an noch erbärmlichere Orte gezogen, weil sie nur dort einen Studienplatz, einen Posten beim Militär oder eine Anstellung als Mathelehrerin gefunden haben. Am weitesten weg von daheim sind meine Eltern. Man kann jedoch nicht behaupten, dass ihr neues Zuhause in Konkurrenz zu ihrem ehemaligen Zuhause stünde. Auch hier gibt es Traktoren, sie rattern regelmäßig an der Tür vorbei, um auf den Feldern hinter dem Haus warmen Mist auszustreuen.

Seit meine Freundin in Istanbul wohnt, fragt meine Mutter, wie lange wir eigentlich noch in Berlin bleiben wollen. Ich hätte ihr nichts von meiner Freundin erzählen sollen. „Wie lange soll das so weitergehen?“, fragt sie. „Ihr dort, wir hier, zwischen uns 800 Kilometer?“ Es sind nur knapp 600 Kilometer. Aber weit weg ist weit weg, da kommt es auf 200 Kilometer Differenz nicht an. „Wäre es nicht schön, wir würden nah beieinander wohnen?“

Ich bin gern bei meinen Eltern, und wenn es wieder einmal besonders schön bei ihnen ist, sage ich manchmal zu meinem Mann:„Vielleicht sollten wir doch in ihre Nähe ziehen. Was meinst du?“ Dabei kenne ich seine Antwort schon: „Ich ziehe nicht weg aus Berlin. “Das sagt er, seit ich ihn kenne. Er will nicht fort aus Berlin, weil man hier so viel unternehmen könne. Schon allein wegen der Kultur, sagt er.

Kultur! Als ob wir ins Theater gingen, ins Kino, in Ausstellungen. Alle vierzehn Tage kaufen wir ein Veranstaltungsmagazin, manchmal mache ich mit Filzstift Kreise um Lesungen oder Konzerte, aber dann müsste man sich um einen Babysitter kümmern oder wenigstens wach bleiben bis 21 Uhr. Im Dorf meiner Großmutter in der Türkei könnten wir im Werkzeugschuppen wohnen, gleich neben der Feuerstelle, wo sie morgens Maisfladen backt, es würde keinen großen Unterschied machen. Kulturell würde es uns an nichts fehlen. „Aber wir könnten doch, wenn wir wollten“, sagt mein Mann. Das ist wahr. Wir könnten ausgehen, wenn wir wollten. Die Möglichkeit kann uns keiner nehmen. Also bleiben wir.

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