Heimat zu Hause

Das Wort Heimat weckt keine angenehmen Gefühle in mir. Einer Nachbarin – sie wird schon lange tot sein, sie war damals recht alt und ich noch nicht in der Schule – rief uns einmal aus ihrer Wohnungstür zu, wir sollten uns in unsere Heimat scheren, wenn es uns hier nicht gefalle. Ich weiß nicht mehr, was uns damals nicht gefallen hatte. Aber seither gehe ich innerlich in Deckung, wenn mir jemand mit Heimat kommt.

Was soll das sein, Heimat? Wer braucht so etwas? Ich spreche lieber von meinem Zuhause. Zuhause bin ich in Berlin, zuhause bin ich im Haus meiner Eltern in Schwäbisch Gmünd, obwohl ich in diesem Haus nie gewohnt und nie ein Zimmer gehabt habe, zuhause bin ich auch in der Ferienwohnung in Kroatien, die ich für vierzehn Tage gemietet habe. Für diese zwei Wochen ist sie mein Zuhause. Voll und ganz. Ich mag das Wort zuhause, es ist alltäglich, es ist nüchtern und es ist nicht derart gefühlsbeladen. Ein Zuhause kann wechseln und es hat auch nichts mit der Herkunft zu tun.

Das türkische Wort für Heimat heißt memleket. Es wiegt noch viel schwerer als die deutsche Entsprechung, es ist voller Wehmut und Verlust, voller Sehnsucht und Verklärung, Trauer und Nostalgie und voll von all dem, was einem das Herz schwer macht. Das Wort selbst kann nichts dafür. Das Erdrückende kommt davon, dass die Freunde meiner Eltern so wehmütig über ihr memleket sprachen, weil es auf den Musikkassetten im Auto meiner Tante so sehnsüchtig besungen wurde, weil jeder so tat, als sei sein memleket das Beste aller memlekets.

Und wenn jemand wissen wollte, wo denn mein memleket sei, dann holte ich tief Luft und setzte an zu meiner langen Erklärung: Dass ich in Deutschland geboren sei und auch meine Eltern hier lebten, meine Großeltern aber, die lebten in einem Dorf bei Gaziantep im Südosten der Türkei. „Aha“, raunten die Leute dann und nickten wissend.

Wussten sie etwas über Gaziantep oder Schwäbisch Gmünd, das ich nicht wusste? Würde gleich jemand anfangen zu seufzen? Oder würde man mich fragen, wann ich wieder in meine Heimat ginge? Wohin hatte man mich sortiert?

Ich frage inzwischen nicht mehr, wo ich zuhause bin, sondern wann. Ich glaube, es ist der Moment, kurz vor dem Einschlafen, wenn ich noch einmal kurz wach werde und merke, dass ich wohl eben schon weggedämmert sein muss, um dann schließlich einzuschlafen.

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