Heimat – was soll das?

2014-05-16 13-20-55_0008Wie oft wurde ich nach meiner Heimat gefragt und wie viele Male habe ich schon darauf geantwortet? Manchmal ausweichend, manchmal ganz entschieden, weil ich mich gerade für einen bestimmten Ort als Heimat entschieden hatte. Das konnten auch Orte sein, an denen ich nie gelebt habe, die Türkei zum Beispiel. Dann kam mir der Gedanke, dass Heimat kein Ort, sondern ein Gefühl sein müsse, hervorgerufen durch einen Teller Spaghetti Bolognese, ein Lied, einen Duft, einen Dialekt. Einmal las ich, die Heimat trage man mit sich herum wie die Schildkröte ihren Panzer. Das Bild gefiel mir gut und für eine Zeit antwortete ich allen, die mich nach meiner Heimat fragten mit der Schildkröte.

Vor einigen Tagen habe ich meine Großmutter in der Türkei besucht. Sie ist 97 und schon sehr schwach. Die ganze Familie hatte sich um ihr Bett versammelt, es kamen allerlei Leute aus dem Dorf, um sich von ihr zu verabschieden. Die Kinder rannten herein und hinaus, um sich Geld für Süßigkeiten zu erbetteln. Einer kochte Tee, ein anderer berichtete jemandem am Telefon, dass Großmutter eine Schale Joghurt gegessen habe. Ich fragte mich, ob meine Großmutter genug Ruhe hatte. „Man lässt Sterbende nicht allein“, sagte eine Verwandte und ich dachte an die, die allein in Altenheimen und Krankenhäusern sterben müssen. Ich wünsche mir weder in einem solchen Trubel zu sterben wie meine Großmutter, noch in der Einsamkeit eines Krankenhauszimmers.

Im Raum nebenan saßen die Männer, sie waren mit ganz anderen Themen beschäftigt. Einer schwärmte vom wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei, ein anderer vom landschaftlichen und kulturellen Reichtum, die anderen stimmten zu. Nie käme es mir in den Sinn, so von Deutschland zu schwärmen und zu prahlen. „Weil Deutschland nicht deine Heimat ist“, sagten sie.

Ich fühlte mich fremd und gleichzeitig waren mir die Stimmen, die Schwärze ihrer weiten Schalwarhosen, die an den Fersen heruntergetretenen Lederschuhe und das Muster der Vorhänge so vertraut. Vertrautheit und Fremdheit gehen Hand in Hand und ich fragte mich, was das denn sein solle, diese Heimat. Ich saß inmitten meiner Familie und sah ich mich inmitten meiner Familie auf dem Polster sitzen, so, als säße ein zweites Ich neben mir. Das mit der Schildkröte stimmte nicht. Ich war noch nicht einmal in mir selbst beheimatet.

Als ich wieder zurück war in Berlin, passierte, was immer passiert, wenn ich ein paar Tage weg war. Ich brauche mindestens eine Nacht, um mich wieder an meine Möbel, den Geruch meiner Sachen, den Blick aus dem Fenster zu gewöhnen. Das zweite Ich, das neben mir steht und alles betrachtet, verlässt mich auch in Berlin nicht. Ich habe keine Heimat, aber das bedrückt mich wenig. Ein Zuhause brauche ich, eine Heimat nicht.

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