Gierig nach Büchern

Als ich noch zur Schule ging, verbrachte ich eine Menge Zeit in der Stadtbücherei. Wenn meine Eltern von der Arbeit zurückkamen, vermissten sie mich nicht, wenn sie den Zettel mit der Aufschrift „Bin in der Bücherei“ am Garderobenspiegel fanden. Das Lesen war heilig bei uns zu Hause, sofern man überhaupt von heilig sprechen kann. Meine Eltern dachten nicht in diesen Kategorien. Wenn ich in der Bücherei war, war alles in Ordnung. Ich durfte so lange bleiben, wie ich wollte, lesen, was ich wollte, ausleihen, was ich wollte, nur leider nie so viel, wie ich gerne hätte. Vier Bücher waren erlaubt für eine Ausleihzeit von vier Wochen, die Bücherei bestimmte das so.

Vier Bücher waren für mein Lesetempo völlig ausreichend, dennoch war ich jedes Mal frustriert, wenn ich mit ihnen im Beutel die Holztreppe hinunterging. Es war immer dasselbe: Ich kam durch die Glastür, hängte meine Jacke an einem der Ständer in der Eingangshalle auf, ging an der Ausleihe vorbei und stand mittendrin. Überwältigt von der Menge, aufgeregt und gleichzeitig gehetzt ging ich in die Ecke, in der die Jugendbücher standen, zog mir einen Roman heraus und fing gleich an zu lesen. Vielleicht würde ich wenigstens schon eines zu Ende bringen, dann blieben mir immer noch vier weitere, die ich mit nach Hause nehmen könnte. Sonst würde ich nie, nie im Leben all das lesen können, was dort stand.

Meine Elternwaren keine großen Leser und die paar Bücher, die sie hatten, passten leicht auf das Brett im Wohnzimmerschrank. Es blieb noch genug Platz für eine Vase mit Stoffblumen und die Zigarettenkiste für die Gäste. Aber sie ließen mir meine Bücher. Wenn ich las, wurde ich nicht gestört. Ein Glück, dass ich mich für Geschichten interessierte und nicht für fürs Fernsehen oder seltene Zierfische. Niemand war der Meinung, das Lesen dumm mache. Schlechte Augen, das ja, aber wenn ich die Lampe an meinem Bett dazu einschaltet, war meine Mutter zufrieden und zog die Tür zu meinem Zimmer wieder zu. Lesen machte keinen Dreck und dank der Bücherei kostete es auch nichts.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich mir keine Mühe geben musste. Ich würde unmöglich alle Bücher lesen können, wahrscheinlich säße ich noch immer mit einem Roman von Christine Nöstlinger unter meiner Biene Maja-Decke, all die Bücher aus der Erwachsenenabteilung noch vor mir. Die Freude am Buch ist geblieben, der Frust verschwunden, aber mit ihm leider auch die Trunkenheit beim Anblick von Bücherwänden. Sie überkam mich nun wieder einmal, mit der gleichen Wucht. Ich habe mich gefreut über das vertraute Gefühl, und gedacht, da ist sie wieder, diese Leidenschaft und habe noch ein Buch und noch ein Buch und noch ein Buch gekauft. Als ich mein Gepäck auf den Fahrradkorb hievte, kam mir der Gedanke, dass ist keine Leidenschaft, das ist bloß Gier.

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