Geschichten, Geschichten

2014-05-17 19-05-26_0018Wenn ich im Auto lese, wird mir übel. In der S-Bahn schaue ich aus dem Fenster und vergesse den Roman in meiner Hand. Im Bett schlafe ich mit aufgeschlagenem Buch auf dem Bauch ein. In meiner Handtasche kriegen die Taschenbücher Eselsohren. Auf dem Sofa wird mir ohne Wolldecke kalt, mit Decke werde ich schläfrig. Blicke ich dann tatsächlich einmal auf die Seiten und lese, bin ich in Gedanken gleich ganz woanders. Nach anderthalb Seiten, manchmal auch erst viel später, fällt mir auf, dass ich nicht weiß, was ich gerade gelesen habe. Ich lege das Buch aus der Hand, um konzentrierter bei der Sache zu sein, aber dann kommen mir keine Gedanken. Ich brauche das Buch, ich muss hineinsehen und darin stumm alle Wörter lesen, nicht verstehen. Darum kann ich wohl auch keine Geschichten erzählen.

Abends im Bett wollen die Kinder, dass ich ihnen etwas erzähle. Sie haben genau Vorstellungen davon, was sie hören wollen. Fange ich an mit einem kleinen Frosch, der mit dem Bus nach Australien fahren will, um seine Freundin… da unterbrechen sie mich, weil sie eine Ponygeschichte wollen. Oder lieber etwas über ein Kätzchen. Oder über Fohlen. Ich füge mich und arbeite ihre Anweisungen ein. Sie bestimmen, was die Helden tun, wem sie unterwegs begegnen und rufen: „Nein, das soll das Fohlen nicht sagen.“ Beharre ich darauf, eine Geschichte nach meinem Geschmack zu erzählen, sagen sie, diesmal müsse aber auch wirklich etwas passieren in meiner Geschichte. Nicht mehr lange und sie werden meinen Sprachstil kritisieren und den Aufbau, inhaltliche Fehler bemerken sie ohnehin schon. Wird aus Versehen aus dem Einhorn ein Fohlen, protestieren sie. Und weil ich nicht aufhören darf zu erzählen, bevor sie eingeschlafen sind, nehmen die Geschichten kein Ende, auch wenn dem Glück der Katzenfreunde längst nichts mehr hinzuzufügen ist. Die Gutenachtgeschichten ziehen sich und ziehen sich, alles was ihr Neugier wecken könnte, lasse ich weg. Ich lasse die Einhörner ewig über Wiesen und Felder galoppieren, Wasser aus dem Fluss trinken und Blumen fressen, gelbe, rote, weiße, auch lange Halme und Kräuter. Dann legen sie sich unter einen Baum und schlafen und schlafen und schlafen, so lange, bis meine Tochter murmelt, das sei eine furchtbar langweilige Geschichte, sie mache schon mal die Augen zu.

„Erzählt ihr mir doch eine Geschichte“, sage ich. Das wollen sie nicht, sie wollen auch nichts vorgelesen bekommen. Sie wollen zuhören und bestimmen, wo es lang geht. Sie interessieren sich nicht für das, was ich mir für sie ausdenke. So wie ich mich nicht für das interessiere, was andere sich für mich ausdenken. Geschichten sind unser Vehikel, ich brauche sie zum Grübeln, die Kinder, um mich herumzukommandieren.

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