Gegen Duft hilft gar nichts

Im Radio habe ich gehört, dass die Behaglichkeit am Arbeitsplatz auch von der Luftgeschwindigkeit im Raum abhängt. Sie solle nicht über 0,15 Meter pro Sekunde liegen. Schnellere Luft empfinde man als unangenehme Zugluft.

Ich habe keine Möglichkeit, die Luftgeschwindigkeit an meinem Arbeitsplatz zu messen. Wenn es zieht, schließe ich die Wohnzimmertür. Das tue ich aber auch, wenn es laut ist, weil die Waschmaschine schleudert, oder wenn es riecht. Der Geruch muss gar nicht unangenehm sein. Es gibt Tage, da riecht es schon am Morgen so gut aus der Küche, dass ich nur ans Essen denken kann, wenn die Tür offensteht.

Neulich duftete es den halben Tag lang nach unserem bevorstehenden Abendessen, einem Auflauf aus Süßkartoffeln und Sahne. Mein Mann wollte das Essen machen, kommt aber abends erst um sieben nach Hause, und da die Kinder um acht schlafen, wäre ihm wenig Zeit für die Vorbereitung geblieben. Daher bereitete er den Auflauf schon am Morgen zu, bevor er den Kleinen in die Kita brachte.

Die kleingehackten Salbeiblätter verbreiteten zuerst ihren Duft, dann der Rosmarin, und dann überdeckte der Knoblauch alles. Als mein Mann ins Büro musste, bedeckte er die Form mit Alufolie und stellte sie in den Backofen. Am Abend würden wir den Ofen anmachen, die Sahne zu den Kartoffeln geben und fertig.

Der Duft blieb nicht in der Küche, er kroch unter den Türen hindurch bis an meinen Schreibtisch. Die Folie half nichts, auch die Backofentür hielt nichts zurück. Ich musste die Form auf den Balkon stellen. Damit sich der Duft unseres halbfertigen Abendessens nicht im gesamten Innenhof ausbreitete, legte ich noch das größte Schneidebrett obendrauf, das wir zu Hause haben. Dennoch musste ich am Schreibtisch die ganze Zeit ans Essen denken. Jede halbe Stunde machte ich mir ein Brot, aber im Vergleich zu dem, was uns am Abend erwartete, schmeckte alles fad.

Ich suchte im Internet, ob man außer der Luftgeschwindigkeit vielleicht auch den Geruch am Arbeitsplatz messen kann. Ich fand alles Mögliche: Dass der Schallpegel nicht höher als 45 Dezibel sein darf, wenn man sich richtig konzentrieren will. Dass der Computerbildschirm so aufgestellt werden muss, dass das Tageslicht weder blendet noch vom Monitor reflektiert wird. Dass ältere Menschen mehr Licht als jüngere brauchen. Dass man 20 Prozent der Arbeitszeit stehen soll und nicht sitzen. Dass der Raum nicht wärmer als 22 Grad sein, die Luftfeuchte ungefähr 50, aber keinesfalls mehr als 60 Prozent betragen soll. An Gymnastik hatte man gedacht und an höhenverstellbare Tische, an Pausen für die Augen, an Pausen fürs Pinkeln. Ans Wassertrinken. An bequeme Kleidung, die beim Sitzen nicht kneifen sollte. An alles. Nur nicht an mein Problem.

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