Durst-Pflicht in der Stadtwüste

2014-08-21 11-34-28_0038Der Gedanke, einfach so am Schreibtisch oder beim Gurkenschälen zu verdursten, bekümmerte mich früher wenig. Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens scherte sich niemand darum, ob ich genug Wasser getrunken hatte oder nicht. Ich trank, wenn ich Durst hatte, und hatte ich keinen, lies ich es bleiben. Heute wage ich es nicht mehr, das Haus zu verlassen, ohne mir am Wasserhahn ein Fläschchen Wasser abzufüllen und es mitzunehmen. Ich könnte Durst kriegen, während ich auf die U-Bahn warte. Oder beim Bäcker in der Schlange stehe. Wenn nicht ich, so könnten die Kinder etwas zu trinken haben wollen. Oder der Mann.

Meine Tochter bringt manchmal ihre Wasserflasche unberührt aus der Schule mit nach Hause. „Hast du den ganzen Tag nichts getrunken?“, frage ich. „Doch, beim Mittagessen“, antwortet sie. „Hast du keinen Durst gehabt, vormittags in der kleinen Pause, oder in der Hofpause, oder nachmittags?“ Sie antwortet mir nicht.

Bis vor einiger Zeit glaubte ich, ein Erwachsener müsse am Tag drei Liter Wasser trinken, weil er sonst dehydriere. Also trank ich und trank und trank, dass es bei jedem Schritt in meinem Bauch gluckerte. Dann las ich, dass es eineinhalb Liter auch täten. Selbst die Liter schaffte ich selten. Abends zwang ich mich, den schalen Rest in der Flasche in einem Zug leer zu trinken, weshalb ich jahrelang nachts aufstehen musste und hinterher nicht mehr einschlafen konnte.

Das Wassertrinken ohne Not und Durst habe ich aufgeben. Ich trinke wieder nach Bedarf, so wie früher. Neu ist, dass ich jetzt auch Alkohol trinke, nicht jeden, aber Rotwein. Ich kann mittlerweile guten von schlechtem Wein unterscheiden. Manchmal habe ich Lust auf ein Glas und scheue mich auch nicht mehr, eine Flasche nur für mich alleine zu öffnen. Selbst wenn meine Eltern zu Gast sind und mein Vater am zweiten Abend, an dem ich mir als einzige am Tisch etwas einschenke, meinen Mann fragt, ob das jeden Abend so gehe. Meine Mutter schenkt sich mir zuliebe einen Schluck ein und trinkt, auch wenn es ihr nicht schmeckt.

Trinke ich Alkohol in Anwesenheit meines Vaters, hält er mich für eine Alkoholikerin. Trinke ich keinen in Anwesenheit aller anderer Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin–meinen Mann ausgenommen, – mache ich mich verdächtig. Als allererstes vermutet man in meinem Fall Angst vor Allah, gefolgt von Schwangerschaft, Krankheiten, einem Kater, versteckter Trinksucht und schließlich Entzug. Nur ein Grund wird nicht in Betracht gezogen – dass mir Bier oder Schnaps eben nicht schmecken.

„Du weißt schon, dass Alkohol den Körper austrocknet“, fragt mein Vater und nimmt einen großen Schluck aus seinem Sprudelglas. „Weiß ich. Hab schon dreieinhalb Liter Wasser getrunken, extra ein bisschen mehr, wegen des Weines“, sage ich. Das war dumm. Jetzt hält er mich erst recht für eine Trinkerin.

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