Bezahlt wird nicht

2014-07-11 18-30-59_0030Meine Eltern haben einen Computer und mindestens ein Laptop. Es könnte sein, dass in ihrem Keller ein, zwei oder drei weitere Geräte liegen, die nicht mehr richtig funktionieren. Sie warten dort auf den Tag, an dem meine Eltern jemanden kennenlernen, der sich mit kaputten Laptops auskennt. Der Computer in der Werkstatt meiner Mutter funktioniert, aber das heißt nicht, dass sie ihn auch benutzt.

Für alles was mit dem Computer zu tun hat, bin ich zuständig. Nicht dass ich mich besonders gut auskenne, aber wenn etwas über das Internet gekauft, bestellt oder herausgefunden werden muss, klingelt mein Telefon. Dann sehe ich nach, was zwei Flugtickets nach Izmir kosten, oder ob es die teure Gesichtscreme, die meine Mutter bei ihrer Kosmetikerin kauft, nicht doch günstiger zu kriegen ist. Ich suche nach den Öffnungszeiten einer Firma, die feuerfeste Stoffe verkauft oder Lederschärfmaschinen. Hinterher gebe ich die Information am Telefon an sie weiter, oder drucke sie aus und schicke sie mit der Post.

Meine Eltern halten sich eine ganze Schar von Menschen, die sich mit irgendetwas auskennen oder wissen, wie sie etwas beschaffen können. Türscharniere, Blutdruckmessgeräte, Lämmchen, Brennholz, Äpfel. Ich frage mich, wann meine Eltern zuletzt ein Geschäft von innen gesehen haben oder einen Handwerker zu Hause hatten. Meine Mutter flickt jemandem den Motoradoverall, er installiert für sie das Faxgerät. Sie kürzt einen Hosensaum und bekommt dafür einen selbstgeflochtenen Weidenkorb oder fünf Kilo festkochende Kartoffeln. Wahrscheinlich benutzen sie auch kein Geld mehr, wozu auch, es wird ja getauscht. Vier ausgefüllte Formulare für die Krankenkasse gegen zwei Säcke Füllwatte oder eine alte Kommode gegen eine Espressomaschine.

„So haben das schon unsere Väter und Großväter gemacht“, sagt mein Vater. Das glaube ich kaum, mein Großvater hatte immer einen Bündel Geldscheine in der Hosentasche. Er faltete es einmal in der Mitte und wenn wir Enkel in den Laden wollten, gab er jedem von uns ein paar hundert Lira, später Millionen, für Süßigkeiten.

„Unsinn. Wir machen es nicht wie unsere Väter. Wir leben die Zukunft“, sagt meine Mutter, die im Radio etwas über Tauschbörsen gehört hat. „Das funktioniert sogar über das Internet.“ Das bedeutet noch mehr Zukunft. In diesen Börse bietet jemand Malerarbeiten an, ein anderer Massagen, bezahlt wird nicht mit Geld, als Gegenleistung bekommt man stattdessen vier Mal die Haare geschnitten oder muss zwei Monate nicht mehr selbst mit dem Hund Gassi gehen.

„Gründet doch auch eine Tauschbörse bei euch“, sage ich zu meiner Mutter. „Dann können noch viel mehr Leute mitmachen.“ Auf keinen Fall, sagt sie. Ihre Tauschpartner seien handverlesen.

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