Beine machen, was sie wollen

Im Zeichenkurs haben wir mit geschlossenen Augen gezeichnet. Wer nicht anders konnte, durfte die Augen offen lassen, den Blick aber keinesfalls vom Modell abwenden oder er musste stur zum Fenster hinaussehen. Das soll einem die Angst vor dem weißen Blattnehmen und die Hand lockern. Die Hand zeichnet schon, ohne dass sich der Kopf dazu entschlossen hat. Das hilft, man kann ja nicht immer darauf warten, dass man innerlich soweit ist. Solche Übungen gibt es auch fürs Schreiben. Wildes Schreiben haben wir das in der Schreibwerkstatt genannt. Der Stift durfte nicht abgesetzt werden, sondern musste immer weiter, immer weiter, immer weiter. Wenn ich nicht mehr wusste, was ich schreiben sollte, schrieb ich „Ich weiß nicht, was ich schreiben soll“ oder „Humpen pumpen sonntags schöner, Freitag ist Walpurgisnacht. Wer immer lacht, ist niemals dumm, kannst du mir einen Hammer leihen?“ Das ist schrecklich. Wenn man einmal damit angefangen hat, kommt man nicht mehr hinterher. Als hätte man ein kleines Loch in eine Tüte mit Wasser gerissen, die Gedanken laufen und laufen aus einem heraus, so lange, bis man ausgelaufen ist. Und sich fühlt wie eine leere, nasse Tüte.

Meist kommen die Wörter schnell, sie sind schneller als die Hand. Mit dem Schreiben komme ich kaum hinterher. Mit dem Tippen auch nicht, obwohl das schneller geht. Ich verschreibe mich selten, aber ich vertippe mich andauernd. Meine Finger halten sich nicht an die Reihenfolge. Dabei habe ich die einmal gelernt, meine Finger kennen ihre Position, trotzdem tippen sie nach eigenen Rgelen, ach, Regeln.

Mein Mann hat das Joggen angefangen. Nicht überlegen, ob man heute laufen gehen soll oder nicht, sondern Schuhe anziehen und raus. Der ist gelaufen, Kniebeugen hat er gemacht, die Waden gedehnt und sitzt heiß und kalt geduscht vor seinem Frühstück, noch bevor er es gemerkt hat. Das habe ich auch versucht. Als ich die Treppen hinunterlief, rief es in mir „nein, nein, nein“. Ich lief und lief, ich hatte mich selbst überlistet, doch ehe ich mich versah, stand ich am Aufzug, fuhr nach oben und war nach viereinhalb Minuten wieder zu Hause. „Schon zurück?“, fragte mein Mann. „Nein, ich jogge noch“, antwortete ich. Das war nicht gelogen. Im Kopf lief ich, aber ich habe keine Kontrolle über meinen Körper. Die Gedanken kommen, wie sie kommen, die Finger tippen, was ihnen gefällt, und die Beine machen ohnehin, was sie wollen.

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