Barmherzige Cousine

Barmherzige CousineSeit letztem Sommer schreiben meine Cousine und ich uns regelmäßig. Das haben wir zuletzt als Kinder getan, ich auf bunt gemustertem Briefpapier mit passenden Umschlägen. Meine Cousine, die solches Papier nicht hatte, malte mit Kuli Herzen und Blumenranken auf ihr liniertes Papier oder beklebte es mit Tierbildern aus der Zeitung. Meine Briefe begannen immer gleich: Liebe F., wie geht es dir? Geht es dir gut? Ich hoffe bei Allah, dass es dir gut geht. Wenn du wissen möchtest, wie es uns geht, uns geht es gut. Das Wetter ist schlecht. Wie ist das Wetter bei euch? Erst nach diesem Absatz durfte man schreiben, was man wirklich schreiben wollte. Meine Eltern hatten mir erklärt, dass man Briefe so schreibt, meine Cousine begann ihre genauso.

Auf die Idee, ein Wörterbuch zu benutzen, wenn ich nicht wusste, was Schullandheim oder Vokabeltest bedeutete, kam ich damals nicht. Ich fragte meine Mutter, aber die wusste es meist auch nicht, und sagte, wieso schreibst du ihr nicht, wer am Wochenende bei uns zu Besuch gewesen ist. An den Wochenenden besuchten uns immer die gleichen sechs Freunde meiner Eltern, mit ihren Söhnen musste ich Woche für Woche Raumschiff Enterprise spielen. Hatte ich Glück, durfte ich Ohura sein, am Schreibtisch sitzen und so tun, als würde ich tippen. Später fand ich heraus, dass sie Uhura hieß, aber das erfuhr ich von meinem Schulfreund Jörn, nicht von meiner Mutter. Die kannte Ohura natürlich nicht, sagte aber, als ich ihr meinen Brief an meine Cousine zeigte, ich solle das Wort lieber wieder wegradieren. Sie musste es mit Hure verwechselt haben. Was das war, erklärte mir Jörn dann in der vierten Klasse.

Heute gibt es Onlinelexika, da sehe ich nach, was merhametli heißt. Das nämlich sei ich, schreibt meine Cousine in ihrer letzten Mail. Gut. Nett. Ordentlich. Das bin ich. Meistens. Im Wörterbuch fand ich unter dem Substantiv „merhamet“ Erbarmen. Darauf wäre ich nie im Leben gekommen. Mit wem habe ich Erbarmen? Wie ist jemand, der Erbarmen hat, erbärmlich? Barmherzig? Mitleidsvoll? Gütig? Zur Mutter Gottes würde das passen, nicht zu mir. Die jammernden Kinder barmten sie. Mich barmen jammernde Kinder nicht. Zu meinen jammernden Kindern sage ich hartherzig und lieblos, geht in euer Zimmer und jammert dort, sonst kriege ich einen Nervenzusammenbruch. Kann man sich nicht vorstellen, dass das Maria einmal zum kleinen Jesus gesagt haben könnte.

Merhametli wird ein Wort sein, das man der Pflicht halber in türkische Mails einflicht, um einen elektronischen Brief, den man nicht anfassen kann wie ein 80 Gramm schweres Blatt liniertes Briefpapier, ein wenig gefühlvoller zu machen. Sie sei auch sehr merhametli, antworte ich. Erst nachdem ich die Mail abgeschickt habe, fällt mir ein, dass ich meine Mutter hätte fragen können.

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