Ausländer sind die anderen

In der Klasse meiner Tochter ist ein türkisches Kind. Der Junge ist hier geboren, aber die Eltern sind aus der Türkei. Ich stand im Flur neben der Mutter des Kindes, wir kramten gemeinsam die Hausschuhe unserer Kinder aus der Hausschuhkiste, und sie sagte zu ihrem Sohn, er solle nicht mit den Socken über den nassen Boden gehen. An meinem Lächeln merkte sie, dass ich wohl verstanden haben musste, was sie eben gesagt hatte. „Entschuldigen Sie, ich habe mir schon gedacht, dass sie Türkin sind, aber ganz sicher war ich mir nicht“, sagte sie.

Da sie sich nun entschuldigt hatte, dass sie mich nicht sofort als Türkin erkannt hatte, entschuldigte ich mich auch: weil ich zwar gewusst hatte, dass sie Türkin war, mich aber nicht sofort zu erkennen gegeben hatte. Aber ich kann nicht anders. Einfach hinzugehen und zu sagen: „Hallo, ich bin auch Türkin“, finde ich immer ein bisschen dämlich. Ich warte lieber, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt.

Das kann manchmal eine ganze Weile dauern. Manchmal lasse ich günstige Gelegenheiten auch vorbeiziehen, weil mein Kind gerade aufs Klo muss oder ihre Freundin an mir zieht und fragt, ob sie bei uns übernachten darf. Oder einfach deshalb, weil ich mich nicht traue. Sich-nicht-Trauen ist ein Zug an mir, den ich schon lange pflege und an den ich mich so gewöhnt habe, dass ich mir ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen kann.

Diesmal hatte ich mich aber getraut, und die Frau fragte mich, wie meine Tochter denn heißt. „Isabella“, sagte ich. Das ist zwar kein türkischer Name, aber ein Name, der auch für meine Eltern, meine beiden Großmütter und diejenigen Verwandten in der Türkei, mit denen wir ab und zu skypen, gut auszusprechen ist. In einer brasilianischen Telenovela, die meine Tante gerne sah, hatte eine Schauspielerin so ähnlich geheißen wie jetzt meine Tochter, darum kann auch die Tante sich den Namen gut merken.

„Aaah“, machte die Frau. „Sind Sie mit einem Ausländer verheiratet?“ So kann man das auch sehen, dachte ich, kommt auf den Standpunkt an, und antwortete erst einmal: „Ja.“ Sie fragte jetzt nicht weiter, ob das Kind wenigstens als Zweitnamen einen türkischen Namen hatte. Das machte sie mir sofort sympathisch. Trotzdem: Die Frage nach dem ausländischen Mann ging mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Für meine Familie ist mein Mann eben mein Mann. Da käme keiner auf die Idee, ihn als Ausländer zu bezeichnen. Auch sich selbst würde keiner als Ausländer bezeichnen. Ausländer sind immer die anderen, so geht die Logik.

Ich erzählte meiner Freundin von dem Gespräch im Schulflur. „Die Frau hat wahrscheinlich gedacht, dein Mann ist Spanier“, sagte sie. Sie hat sicher recht. Hat aber auch die Mutter des Jungen recht? Und wäre mein Mann ein Spanier: Wäre er dann ein Ausländer?

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