Ausflug ins Paradies

Als Kind habe ich mir oft vorgestellt, wie es wäre, sich im Kaufhaus einschließen zu lassen. Ich hätte mir Chips aus der Lebensmittelabteilung geholt und Cola, wäre hinauf zu den Fernsehern oder zu den Zeitschriften geschlichen, dann in eines der Betten.

Die Elternmeines Cousins besaßen kein Kaufhaus, aber dafür den einzigen türkischen Lebensmittelladen in der Stadt. Klein und eng war er. Der Cousin war gar kein richtiger Cousin, seine Eltern kamen aus demselben Ort in der Türkei wie meine, es gab auch eine Eheschließung, die uns zu entfernten Verwandten machte, aber weil erwachsene Frauen von Kindern mit „Teyze“, Tante, angesprochen werden, war seine Mutter meine Tante und er mein Cousin. Ganz einfach.

Der Cousin wohnte mit seinen Schwestern und den Eltern in einer Wohnung über dem Laden. Wenn wir zu Besuch waren und es Abend wurde, schickte man uns hinunter, um Gemüse, Brot und Getränke fürs Abendessen zu holen. Das war ein wenig so, wie ich mir die Nächte im Kaufhaus vorstellte, zwei Treppen hinunter, und wir standen im Paradies: Orangen, Oliven, Marmelade und Salzstangen, Schokoriegel, Limo und Nutella. Wir futterten uns durch das Angebot, das der Onkel im Großmarkt gekauft hatte. Wenn wir wieder hoch in die Wohnung kamen, gab es Ärger, nicht weil wir uns schon mit Süßem satt gegessen hatten, sondern weil wir so lange gebraucht hatten.

Als wir uns eines Tages durch das gesamte Süßigkeitenregal gegessen hatten, kamen wir auf die Idee, uns auszuziehen und uns einmal ganz genau zu untersuchen. Nicht im Verkaufsraum, wo von draußen jeder hätte hereinsehen können. Wir versteckten uns hinten im Lager. Einmal erwischte uns die große Schwester zwischen Kisten mit Lauch und Stapeln von Küchenpapier, man hatte sie geschickt, weil die Zwiebeln im Topf schon glasig waren, wir das übrige Gemüse aber noch nicht geliefert hatten. Vorwurfsvoll nahm sie den Einkaufskorb mit Tomaten und Paprikaschoten an sich, zischte „Das sag ich Papa“ und rannte die Treppe hoch. Sie hat uns nicht verraten, aber uns mit „Das sage ich Papa“ in Schrecken versetzt – wenn wir nach dem Spielen nicht aufräumen oder keine Nugatwaffeln für sie holen wollten.

Der Gedanke, nachts im Kaufhaus eingeschlossen zu werden, verlor von da an seinen Reiz. Ich mag auch Süßes nicht sehr. Das ist allein die Schuld meiner Cousine.

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